Videolisteüber mich
Don Reinhard [ein Blog]

Willkommen auf meinem Blog. Ich heiße Don Reinhard und engagiere mich für das weltweite bedingungslose Grundeinkommen. Daneben interessiere ich mich auch noch für alle möglichen anderen Themen, über die ich hier schreibe.


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15. November 2019 [Philosophie]
Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?
"Wer bin ich und wenn ja wie viele" heißt ein Buch von Richard David Precht. Schon auch nur ein Buch mit so einem Titel zu lesen, kann einen schnell mal "verdächtig" machen. Ich selbst habe es allerdings zugleich gelesen und nicht gelesen: Gelesen habe ich es, weil mich die Frage auf der Umschlagseite tatsächlich interessierte. Nicht gelesen (indem ich es nach zwanzig Seiten wieder zuklappte) habe ich es, weil mir diese Frage nicht kurz und knackig genug beantwortet wurde. Genau das werde ich nun in den folgenden Zeilen machen:
Noch am einfachsten zu beantworten ist die Frage nach dem ja oder nein. Diese hat mich in den späten Teenagerjahren sehr beschäftigt, ja beinahe schon an den Rande des Suizids getrieben, doch aller Wahrscheinlichkeit nach lautet hierauf die Antwort ganz einfach "ja". Ich halte es da nämlich inzwischen mit Descartes. Wenn es nicht so wäre, dann würdet ihr diese Sätze hier vermutlich nicht lesen.
Etwas komplexer ist die Beantwortung der Frage nach dem wie viele. Hier tendiere ich inzwischen zu "mehrere", und das hat weder etwas damit zu tun, dass Precht zu demselben Schluss gekommen zu sein scheint, noch mit der Idee des Ihrzens, die ich hier schon mal vorgestellt habe. Oder vielleicht mit letzterer doch auch, das weiß ich gar nicht so genau.
Höheres Gewicht hat für mich allerdings die Gedankenwelt von Markus Gabriel, Deutschlands jüngstem Philosophieprofessor. Unter anderem geht er davon aus, dass es "die Welt" zwar nicht gibt, alles andere jedoch schon, und das lässt ziemlich vieles an Wirklichkeit zu. So kann ich etwa, wie oben beschrieben, das Buch von Richard David Precht zugleich gelesen und nicht gelesen haben, ohne dass dies, selbst bei genauer Betrachtung, zu einem logischen Widerspruch führt. Markus Gabriel bezeichnet dieses Phänomen als die Existenz von Sinnfeldern.
Nachdem nun also die Fragen nach dem "ob" und nach dem "wie viele" abgehakt sind, komme ich zur allerkniffligsten Frage, nämlich zu der nach dem "wer". Auf die Antwort darauf wäre ich von selber wohl nie gekommen, doch zum Glück gibt es Arte! In diesem Video hier wird das Rätsel gelöst, ganz am Schluss bei Minute 4:25.
Ich bin ein Normcore. Damit meine ich nicht, dass ich Kleidung entsprechender Marken trage (die es offenbar auch schon gibt), sondern ich meine es mehr so vom Lebensgefühl. Ich habe ein einfaches Outfit, einen einfachen Haarschnitt und meine Wohnung ist auch eher einfach eingerichtet, größtenteils mit Ikeamöbeln. Mein Handy ist von der Marke Samsung und in Restaurants bestelle ich zum Trinken gerne eine Cola oder ein alkoholfreies Bier. Ich könnte die Liste noch ewig fortsetzen, aber ihr seht schon: Ich bin Normcore durch und durch, niemand könnte mir das absprechen. Auch wenn ich auf diesen Begriff wirklich nur durch Arte, das ich mir immer auf Youtube ansehe, gestolpert bin.
Wenn ich also Normcore bin, was bin ich dann noch? Denn eben habe ich doch geschrieben, dass ich mehrere bin... Nun, ich bin zum Beispiel auch noch Deutscher, Europäer, Weltbürger, Christ und engagierter BGE-Befürworter. In all dem sehe ich keinen Widerspruch.
Zum Abschluss erzähle ich noch einen Witz (normcorehaft ohne irgendeinen Smiley), der zwar schon allgemein bekannt sein dürfte, aber hier gut passt:
Besuchen zwei Leute in Edinburgh einen Friedhof. Auf einem der Grabsteine steht: "Hier ruht Stanford McDouglas, ein mildtätiger Mensch und ein guter Vater". Daraufhin der eine zum anderen: "Typisch Schotten - drei Männer in einem Grab."

Ich hoffe, dass auch ihr alle mehr als einer seid und glühender BGE-Engagierter (ich mag den Gender-Asterisk nicht so) einer davon ist.

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12. November 2019 [Politik]
Absicherung nach unten
Jeder von uns hat schon mal irgendeine Dummheit begangen, als er noch jung und naiv war. Ich die folgende:
Es war im Jahr 2003. Ich war neunzehn Jahre alt und hatte von meiner Großmutter einen gewissen Geldbetrag bekommen, nämlich 5000 Euro. Die durfte ich frei verwenden, doch ich bekam sie natürlich nicht in bar, sondern angelegt auf einem Konto. Gedacht war das so, dass ich dieses Geld nicht sofort verpulvere, sondern irgendwann einmal etwas "Sinnvolles" damit mache.
Meine Großmutter war im Sommer zuvor verstorben, und in so einer Situation hat man als Neunzehnjähriger auch so eine gewisse Ehrfurcht vor so einem Geldbetrag. Dennoch wollte ich ihn zumindest symbolisch für mich "in Besitz nehmen", indem ich das Geld nicht auf dem Konto ließ, auf dem es gerade war und zu dem ich überhaupt keinen persönlichen Bezug hatte, sondern es lieber von dort abhob und dann an irgendeinem Ort meiner Wahl anlegte.
Als ich ihm mein Ansinnen vortrug, fragte mich der freundliche Bankangestellte, ob ich mir denn schon überlegt hatte, wo genau ich dieses Geld nun anlegen wollte. Das hatte ich noch nicht. Ich kannte mich ja mit Banken oder Anlageformen auch nicht unbedingt aus.
Wenn es mir nur um die Anlageform, könne ich dieses Geld ja auch bei genau derselben Bank noch einmal anlegen, schlug mir der freundliche Bankangestellte vor. Er habe nämlich, fuhr er fort, einen ganz besonderen Geheimtipp für mich. Wenn ich wollte, könne ich es mir ja einfach mal bei einem Beratungsgespräch erklären lassen.
Mit seinem Anzug und seiner Krawatte machte er einen seriösen Eindruck für mich, und ich hatte eigentlich keinen guten Grund, zu einer anderen Bank zu gehen als zu dieser. Also warum eigentlich nicht?
Bei dem Gespräch, das in einer angenehmen Atmosphäre auf bequemen Bürosesseln an einem aufgeräumten Schreibtisch und zwischen Glaswänden stattfand, erklärte mir der freundliche Bankangestellte, dass Geldanlage immer einen Kompromiss darstellt zwischen drei Faktoren: Sie kann entweder auf hohe Zinsen ausgelegt sein, oder auf niedriges Risiko, oder darauf, dass man das Geld jederzeit abheben kann. Je nachdem, was einem besonders wichtig sei, wähle man dann die eine oder die andere Form der Geldanlage.
Nun war es mir eigentlich nur wichtig, dass ich zwar vielleicht nicht sofort, aber doch zumindest nach zwei oder drei Jahren wieder auf das Geld zugreifen konnte, und das Risiko wollte ich zwar eher gering halten, aber gegen ein ganz klein wenig Risiko im Austausch für höhere Zinsen hatte ich auch nichts grundsätzlich einzuwenden, erklärte ich. Da habe er schon genau das richtige Angebot für mich, sagte mir der Bankberater gut gelaunt.
Es war eine Geldanlage, bei der ich nach zwei Jahren wieder Zugriff auf das Geld hatte, und ich wollte auch vorher schon, nur dann eben mit einer kleinen Vertragsstrafe. In der Zwischenzeit würde das Geld, erklärte er mir, in einem Aktienfonds angelegt. Und das beste daran: Wenn die Kurse nach unten gingen, sei das durch eine Versicherung gedeckt, sodass ich in einem solchen Fall dann zwar keinen Gewinn machte, aber immerhin den ursprünglichen Betrag wieder ausbezahlt bekam. Bis zu zwölf Prozent Verlust seien auf diese Weise abgesichert.
Und was, wenn es mehr als zwölf Prozent waren, wollte ich wissen. Nun, in so einem Fall müsse ich den Verlust selbst tragen... Aber das komme, beeilte sich der Berater hinzuzufügen, eigentlich kaum vor, denn gerade das sei ja der Sinn eines Aktienfonds, dass damit das Risiko gestreut werde und das Gesamtpaket auch dann keine zu großen Verluste mache, wenn eine der Aktien mal in den Keller ging.
Hörte sich logisch an, und da auch sonst diese Bank einen seriösen Eindruck machte, ließ ich mich einfach mal darauf ein. Das Versicherungskonzept hörte sich zwar für mich spanisch an, doch es würde schon seine Richtigkeit haben.
Zum Abschied gab mir der Bankberater noch mit auf den Weg, dass ich mir keine Sorgen machen solle, wenn im Anlagebericht mal drinsteht, dass der Kurs vorübergehend nach unten gegangen sei. Denn das hätten Aktien nun mal an sich, dass es da immer auch ein bisschen Zickzackbewegungen gebe.
Wie ging es dann weiter? Während der ersten Jahreshälfte machte es tatsächlich zickzack. Mal ging der Kurs ein bisschen nach oben, dann wieder ein bisschen nach unten. In der zweiten Jahreshälfte jedoch zeichnete sich ein deutlicher Trend ab: Der Wert dieses Aktienpakets ging abwärts, und abwärts, und abwärts. Bald hatte das ganze tatsächlich an die zwanzig Prozent verloren.
Als es dann zu Beginn des dritten Halbjahres immer noch nach unten ging, hatte ich schließlich genug. Auf mich wirkte das ganze nicht mehr seriös, und ich ließ mir das Geld trotz Vertragsstrafe auf mein Girokonto überweisen. Von den ursprünglich mal 5000 Euro waren es jetzt noch ungefähr 3500 Euro. 1500 Euro hatte ich verloren.
Doch diese 1500 waren nicht für gar nichts, denn immerhin hatte ich so für meinen weiteren Lebensweg zwei wichtige Lektionen gelernt: Die eine davon war, dass auch man auch von Menschen mit Anzug und Krawatte, die in einer renommierten Bank arbeiten, verarscht werden kann.

Und jetzt, nach dieser langen, langen Einleitung, mal etwas für euch Leser zum Mitdenken. Bitte strengt eure grauen Zellen an, denkt doch einmal ganz scharf nach:
Wenn in den Nachrichten angekündigt wird, dass es von nun an eine Grundrente geben wird und diese nicht nur für einige wenige sein wird, sondern wirklich für alle, die zuvor wenigstens 35 Jahre lang erwerbstätig waren. Und wenn dann auf Facebook SPD-Mitglieder jubeln: "Endlich, nach langer Zeit des Stillstands, tut unsere Partei auch mal was für die Ärmsten der Armen im Land - wie großartig, da hat sie doch jetzt mal Respekt und Applaus verdient..." - Was könnte da wohl der Denkfehler sein? Na? Wer von euch kommt drauf?

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7. November 2019 [Gesellschaft]
Mensch, sei nicht albern!
Mich hat es schon seit jeher fasziniert, wenn ich auf Wörter gestoßen bin, die es im Deutschen gibt, jedoch in anderen Sprachen nicht. Eines von diesen Wörtern ist "albern".
Das englische Wort "silly" (dumm), das mir mein Wörterbuch als Übersetzung vorschlägt, trifft es nicht ganz genau, denn "dumm" und "albern" ist eben nicht das gleiche. Eine Idee kann nämlich auch ein gewisses Maß an Durchdachtheit aufweisen und bei näherer Betrachtung trotzdem albern sein. Typische Beispiele für Albernheiten findet man etwa in den Erzählungen des Barons Münchhausen oder bei den Schildbürgerstreichen. Auch der Fasching beziehungsweise Karneval in Deutschland ist ein Ort, wo man albern und ausgelassen ist und wo doch vieles sehr hintergründig ist. So waren beispielsweise die Kostüme der Fastnachtsnarren oft ursprünglich an den Uniformen der Besatzungssoldaten zur Zeit Napoleons inspiriert.
Geht man der Frage näher auf den Grund, was konkret eigentlich alles als albern gilt, dann stößt man da auf drei Gruppen:
Zum einen sind Dinge albern, wo jemand etwas tut, was ganz offensichtlich oder jedenfalls bei etwas genauerem Nachdenken schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. So wie etwa, wenn Münchhausen sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen oder auf einer Kanonenkugel reiten will.
Zum zweiten gibt es Dinge, die zwar im Rückblick betrachtet "gar nicht so albern" sind (auch ein ganz wunderbarer Ausdruck in unserer Sprache), die jedoch denjenigen, die Augenzeugen dieses Geschehens waren, erst mal als albern erschienen. So wissen wir beispielsweise von den frühen Flugversuchen, die Otto Lilienthal im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert absolviert hat, dass sie auf viele seiner Zeitgenossen ziemlich albern wirkten. Er versuchte wie ein Vogel zu fliegen und fiel dabei doch immer wieder auf der Nase - beinahe schon der Klassiker dessen, was man im Deutschen als albern bezeichnen würde. "Gar nicht so albern" ist das wirklich nur heute, im Rückblick betrachtet.
Und dann existiert noch eine dritte Gruppe von Fällen, wo Menschen paradoxerweise etwas gemacht haben, was auch und gerade aus heutiger Perspektive als albern bezeichnet werden muss, obwohl wir ihnen selbst zugleich trotzdem zugestehen, dass sie große Pionierleistungen für die Menschheit vollbracht haben. Hier könnte man beispielsweise Carl Benz nennen, der einige der weltweit ersten Automobile konstruiert hat - und dies jedoch, wie wir heute wissen, auf alberne Weise: Er hat sich bei deren Design an Pferdekutschen orientiert.
Nun wird so mancher Leser einwenden, dass ich hier Carl Benz vielleicht Unrecht tue: Hätte er seine Automobile anders konstruiert, etwa stromlinienförmig wie einen VW Käfer, dann wäre er von seinen Zeitgenossen wohl gerade deswegen albern wahrgenommen worden. Um genau dem vorzubeugen, musste er seinen Automobilen das Aussehen pferdeloser Kutschen verleihen, auch wenn er vor seinem geistigen Auge vielleicht schon eine ganz andere Vision gehabt haben sollte. An diesem Beispiel lässt sich ablesen, dass Albernheit auch manchmal im Auge des Betrachters liegt, und dass albern vielleicht auch nicht immer nur einzelne Menschen sind, sondern auch schon mal der gesamte Geist einer Zeit. In diesem Fall vielleicht die Erwartung, dass etwas völlig Neues nach genau denselben Gesetzmäßigkeiten funktionieren muss, die man zuvor gewohnt war.
Noch mal zurück zu Otto Lilienthal... Es drängt sich die Frage auf, was konkret an dem, was er getan hat, eigentlich für dessen Zeitgenossen albern war, wenn wir es doch heute im Rückblick nicht mehr so empfinden. Waren die Leute, die damals über ihn gelacht haben, einfach nur dumm? Waren gar sie selbst diejenigen, die sich seinerzeit albern verhielten?
Vielleicht. Doch wenn man es noch ein wenig näher analysiert, dann war es wohl eher ein ganz bestimmter Fehler im Denken, den viele einfache Leute damals gemacht haben und nur Lilienthal nicht, und gegen den auch wir heute, wenn wir uns ehrlich sind, nicht immun sind: Man hatte geglaubt, ein wirklich kluger Mensch müsse immer alles vorhersehen und mit seinen mathematischen Formeln exakt berechnen können. Dass es in der Atmosphäre Luftströmungen gibt, die man selbst hundert Jahre später nicht bis in jedes Detail würde berechnen können, und die daher nicht planbar und vorhersehbar waren, das hatten die Leute übersehen.
Denn in Wahrheit hatte Otto Lilienthal natürlich Berechnungen vorgenommen, und zwar sehr gründliche. Aus diesen Berechnungen gewann er die Überzeugung, dass es prinzipiell möglich sein müsste, auch mit einer Apparatur schwerer als Luft fliegen zu können, und schöpfte genau daraus auch seinen Optimismus. Doch irgendwann kam er dann eben an den Punkt, wo ihm Formeln und Zahlen nicht mehr weiterhalfen, sondern wo es keinen anderen Weg mehr gab, als sich kühn und verwegen selbst in die Lüfte zu stürzen, selbst die Böen unter der Konstruktion zu spüren, auch wenn es bedeutete, hundertmal damit zu verunglücken und sich dadurch auch manche Prellung und manchen Knochenbruch zuzuziehen.
Wenn man es von dieser Seite her betrachtet, dann waren Otto Lilienthals Versuche natürlich auch schon zu seinen Lebzeiten nicht albern, und es macht gar keinen so besonders großen Unterschied, ob wir das aus heutiger oder aus damaliger Perspektive betrachten. Denn selbst wenn sie gescheitert wären und nicht zur Erfindung der ersten Flugzeuge geführt hätten, hätten sie dennoch genau so durchgeführt werden müssen.
Und dann gibt es auch noch Beispiele in der Geschichte, wo eine technische Idee tatsächlich am Ende zum Scheitern verurteilt war. So wurden etwa in die Entwicklung der Zeppeline zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Unsummen investiert, ohne dass sie sich am Ende wirklich durchsetzen konnten. Gesamthistorisch betrachtet war das tatsächlich albern, im eigentlichsten Sinne des Worte: Denn der Ferdinand von Zeppelin, der alte Graf, hätte sich das ganze auch gleich sparen können. Er hätte in seinem Schlösschen bleiben und dort Pfeife rauchen oder mit seinem Hund spazieren gehen können. Stattdessen hat er sich mit Enthusiasmus in Projekte gestürzt, die zwar spektakulär aussahen, aber der Menschheit am Ende dennoch nicht allzu viel gebracht haben.
Dennoch scheint in diesem Fall vielleicht das Wort "albern" nicht so ganz passend. Denn alleine schon, dass es zu irgendeinem Zeitpunkt der Geschichte einmal so ausgesehen hat, als könnte eine Idee funktionieren, und dass man es immerhin wagemutig versucht hat, selbst wenn man am Ende - in diesem Fall war das die Hindenburgkatastrophe von 1936 - schließlich spektakulär damit gescheitert ist, nötigt uns unter Umständen schon einiges an Respekt ab. "A brave attempt" würde man im Englischen wohl dazu sagen, und hier ist die deutsche Sprache wiederum einfach zu arm.

Kleine Lesepause.

Gar nicht so albern ist auch das bedingungslose Grundeinkommen. Das muss auch gar nicht mehr eigens betont werden, denn anders als vielleicht noch vor zehn Jahren hat sich das inzwischen schon überall herumgesprochen. Selbst die überzeugtesten Gegner des BGEs gestehen in Deutschland mittlerweile, um in der Öffentlichkeit überhaupt noch ernst genommen werden zu können, diesem Konzept das eine zu, dass es zumindest nicht albern ist.
Doch ich, als Befürworter des BGEs, muss hier einhaken: Zwar ist die Idee des BGEs selbst nicht albern, aber vieles, was man in seiner Bewegung im Moment so beobachten kann, ist tatsächlich schon ziemlich albern. Genau zu verstehen, was da genau albern ist, und warum und inwiefern, das scheint mir übrigens sogar der Schlüssel zu sein um zu verstehen, warum es (gefühlt) so lange dauert, bis das BGE auch tatsächlich irgendwo mal auf den Weg der Einführung gebracht wird.
Albern, das meine ich jetzt nicht in dem Sinne, wie Zeppelin oder Lilienthal das waren, auch nicht wie bei Münchhausen oder den Schildbürgern. Sondern albern wie einst Carl Benz. Und wie bei diesem ist es auch hier wieder ganz egal, ob sie von einer bestimmten Person ausgeht oder von einer ganzen Gruppe, viel mehr geht es um das Alberne selbst: dass jemand mit einem Auto fährt als handele es sich um eine Kutsche, nur ohne die Pferde.
Um zu verstehen, was hier jetzt, bildlich gesprochen, das Auto ist und was die Kutsche, ist es nun allerdings notwendig, sich noch einmal genau klar zu machen, worum es sich bei dem BGE überhaupt handelt. Und vor allem, worum es sich dabei nicht handelt.
Worum es sich dabei nicht handelt, ist wohl noch relativ offensichtlich: Das BGE ist nicht nur, wie manche meinen, eine Korrektur unseres aktuellen Sozialstaats, der noch aus Bismarckscher Zeit stammt. Viel mehr wird dieser Sozialstaat zu einem großen Teil (nämlich genau bis zur Höhe des BGEs, um hier nur nicht missverstanden zu werden) abgeschafft und durch das BGE ersetzt. Was vom Sozialstaat noch übrig bleibt, hat mit dem BGE eigentlich nichts zu tun, da ja die Zielsetzung eine andere ist: Der Sozialstaat dient dazu, soziale Härtefälle aufzufangen, dass BGE dagegen soll uns als mündige Bürger um unserer selbst willen anerkennen.
Worum es sich beim BGE tatsächlich handelt, ist dagegen etwas komplexer, und ich will es hier nur mal mit meinen eigenen Worten kurz erläutern: Es ist ein Projekt, welches die Revolutionen von 1776 (amerikanische Unabhängigkeitserklärung) und 1789 (französische Revolution) zu ihrem Ende führt, und damit zugleich - anders ist es auch gar nicht zu denken - eine zweite Aufklärungsbewegung. Und Aufklärung wiederum, das ist, wie Kant es einst formulierte, sapere aude, Befreiung der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Wem Kants Formulierung zu abgehoben ist, der kann sich den Begriff der Aufklärung auch anhand seiner unmittelbaren Wortbedeutung klar (!) machen: Das Bild dabei ist (wie auch anhand der englischen und französischen Entsprechungen "enlightenment" und "lumières" noch einmal deutlicher wird) das einer Kerze oder einer Laterne, mit der man in dunkle Ecken leuchtet. Gemeint sind damit die dunklen Ecken unseres Verstandes.
Die französische Revolution blieb immer unvollständig, denn die Gesellschaft, insbesondere in Deutschland, war selbst auch nach Napoleon immer noch zu einem großen Teil dieselbe wie vorher. Und der Grund dafür war, wie wir wissen, weniger das Festhalten des Adels an seiner Macht - denn heute hat der Adel gar keine Vorrechte mehr - als viel mehr der Umstand, dass nur ein Teil der Bevölkerung über die materiellen Voraussetzungen verfügte, um von seinen neuen Staatsbürgerrechten auch tatsächlich Gebrauch zu machen. Konsequenterweise bekamen deswegen ursprünglich in Preußen und anderen deutschen Staaten auch gar nicht alle erwachsenen Menschen die vollen Staatsbürgerrechte.
Zwar wurde später manches ausgebessert, doch das war immer nur Flickwerk, und so blieb auch die Aufklärungsbewegung selbst immer unvollständig. Viele Strömungen im zwanzigsten Jahrhundert wirkten sogar der Aufklärung entgegengesetzt. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass sich im heutigen Europa eine subtile Ständegesellschaft ausgebildet hat, die zwar im Gegensatz zu früher (weitgehend) ohne Adel auskommt, bei der jedoch vielerlei Faktoren wie beruflicher Erfolg, Ausbildung, bekleidetes Amt, Beamtenstatus, Status als Student, akademischer Grad und so weiter darüber bestimmen, welcher Platz uns in der Gesellschaft jeweils zugewiesen wird. Nicht ganz unähnlich wie früher im Mittelalter wird hier auch vieles von Eltern an ihre Kinder weitergegeben.
Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens setzt nun genau hier an und führt uns damit wieder mitten in die französische Revolution zurück: Nicht ob du Arbeiter, Bauer, Akademiker, Unternehmer oder Politiker bist, ist wichtig. Sondern, dass du ein Bürger bist! Ein Mensch, ein Teil eines politischen Gemeinwesens. Es gibt da kein oben oder unten mehr, viel mehr ist jede*r aufgerufen, selbst und eigenständig zu denken.
Was tun nun BGE-Befürworter, um diesen Gedanken zu verbreiten? Was ich immer wieder beobachtet habe: Sie warten darauf, dass endlich eine Partei, ein Politiker kommt, der sich für diese Idee einsetzt. Und wenn mal jemand eine Partei gründet, wie beispielsweise das Bündnis Grundeinkommen oder die Piratenpartei, dann gibt es eine Hand voll Engagierter, die sich ganz fleißig und hingebungsvoll dafür einsetzen, die Formalitäten zu erfüllen, die entsprechenden Anträge einzureichen, genügend Unterstützungsunterschriften zu bekommen. Und zu letzterem Behuf werden dann auch Gespräche mit den "Bürgern" (hier und nirgendwo anders wird dieses Wort verwendet) auf der Straße geführt, sodass es eine Lust ist, dabei zuzusehen. Doch dann am Ende wählen trotzdem nur 0,2% eine solche Partei, und als Begründung sagen die Leute auf der Straße dann meistens, dass man einer solchen Partei ja nicht so ganz vertrauen kann, man wisse ja nicht, was sie sonst noch so vorhat, und außerdem sei das ja dann eine verschenkte Stimme, weil sie doch nicht über die Fünf-Prozent-Hürde kommt.
Dann ist der Katzenjammer bei so einer Partei groß, man leckt seine Wunden, und entschließt sich am Ende: Wir müssen besseren Wahlkampf machen, bessere Strategien finden... um dann bei der nächsten Wahl vielleicht auf 0,4% zu kommen, oder einem Prozent.
Und wer nicht bei so einer Partei ist und für das Grundeinkommen, der besucht von Zeit zu Zeit mal eine Podiumsveranstaltung, wo irgendwelche prominenten Leute - Götz Werner vielleicht, oder Katja Kipping - eine Rede halten, oder man hilft vielleicht sogar selbst mal bei der Organisation einer solchen Veranstaltung mit. Und dann am Abend trifft man sich noch, redet über alles nur nicht übers BGE (denn geleistet hat man ja für die gute Sache jetzt schon genug), oder wenn doch, dann vielleicht über das Experiment in Finnland oder das in Kenia, oder darüber, dass es jetzt diesen Andrew Yang in den USA gibt, der zwar noch nicht Präsidentschaftskandidat ist, aber immerhin schon Kandidat für die Kandidatenwahl - vielleicht bringt der ja das BGE demnächst mal voran. Oder darüber, dass es jetzt in Österreich ein Volksbegehren gibt - super, jetzt wird doch endlich mal der kleine Mann gefragt.
Ich muss sagen, dass ich das alles albern finde, unendlich, unbeschreiblich albern. Nämlich albern wie jener Carl Benz auf seinem Kutschenauto: Ja, doch, es ist löblich, dass der sich für den technischen Fortschritt eingesetzt hat, und ja, vielleicht wusste er es nur einfach nicht besser, oder vielleicht wusste er es schon besser, und er musste halt nur Rücksicht auf seine Umgebung nehmen. Und vielleicht hätte es in jener Frühzeit des Automobils auch aus technischen Gründen noch gar nicht so viel Sinn gemacht, es anders zu bauen... Nur, der echte, wahre neue Geist, der Geist des bedingungslosen Grundeinkommens ist das noch nicht.
Was ist der Geist des bedingungslosen Grundeinkommens (ich schreibe das immer am liebsten aus)? Der Geist des bedingungslosen Grundeinkommens ist, dass nicht die Politiker wichtig sind, und auch nicht, was in anderen Teilen der Welt so geschieht - sondern ich, ich bin wichtig! Und wenn jemand darüber lächelt und sagt "komm, das ist jetzt aber albern", dann bleibe ich trotzdem weiter dabei. Weil das der Geist des Grundeinkommens ist, und weil ich dafür eintrete und dafür einstehe. Ich gebe mich nicht mit weniger zufrieden.
Der Mensch steht im Mittelpunkt - mal nicht als Phrase. Mal doch als Phrase? Nein, mal wirklich nicht als Phrase.
Zu der Frage, wie sich ein solcher Geist und ein solches Bewusstsein denn nun in konkreteren Schritten kultivieren lässt, möchte ich vor allem einmal sagen, dass es meine feste innere Überzeugung ist, dass sich ein solcher Geist nicht (alleine) über Podiumsveranstaltungen erwecken lässt. Was es braucht, sind wirklich auch kleinere Treffen, wo jede*r einzelne zu Wort kommt - und zwar am besten Treffen zu zweit. Denn wenn ich mir Zeit für jemanden nehme und ihm zuhöre, dann signalisiere ich ihm oder ihr: Du bist wichtig. Und wenn dieser Jemand nicht ein Verwandter, ein Arbeitskollege oder ein langjähriger Freund ist, dann signalisiere ich ihm: Du bist mir als Mensch und als Bürger wichtig. Und wenn sich dieser Jemand überdies nicht in einer konkreten Notlage betrifft, sondern sich einfach nur in seiner Eigenschaft als Bürger mit einem trifft, dann signalisiert man sich im Idealfall gegenseitig, dass man als Bürger wichtig ist, und dann wird ein bürgerschaftlicher Geist kultiviert... Ein Gesprächsthema kann zum Beispiel sein "was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre", denn dazu hat - erfahrungsgemäß - wirklich jede*r etwas zu sagen, und davon lassen sich dann auch schnell weitere Themen ableiten.
Solche Treffen zu veranstalten ist eigentlich so naheliegend, dass es eigentlich schon erstaunlich ist, wie selten es solche Treffen schon gibt. Lediglich die "World-Cafés" am Rande größerer BGE-Veranstaltungen gehen zum Teil ein bisschen in diese Richtung.
Neben diesem ersten Vorschlag hätte ich noch einen zweiten, wie man den Geist dessen, dass es kein Oben und kein Unten in unserer Gesellschaft mehr gibt, sondern nur noch Bürger, voranbringen könnte. Dieser zweite hat es allerdings in sich, denn dieser ist - albern! Albern diesmal nicht im Sinne von Carl Benz, sondern im Sinne von Zeppelin oder von Lilienthal. Ich weiß eigentlich gar nicht genau, ob hieraus ein Luftschiff oder ein Flugzeug entstehen wird, doch einige Male damit abgehoben, das bin ich jedenfalls schon. Ich bin bei meinem Engagement für das BGE nicht, wie Carl Benz, immer auf dem Boden geblieben: Die Rede ist von der Idee des Ihrzens.
Hierbei ist der Grundgedanke, dass durch den Geist des BGEs neue Beziehungen entstehen und diese auch einer neuen Form der Anrede bedürfen. Einer Anrede, die - naheliegender Weise - genau in der Mitte zwischen dem vertraulichen Du und dem förmlichen Sie liegt.
Man könnte sich nun vermutlich hunderte verschiedene Arten ausdenken, sich gegenseitig anzureden, doch sind die besten Ideen bekanntlich immer die einfachsten. Und was könnte einfacher sein, als die zweite Person Plural als Anrede nicht nur für mehrere, sondern auch für einzelne Gesprächspartner zu verwenden? Reizvoll an diesem Gedanken ist, dass es diese Form der Anrede auch schon in einigen anderen europäischen Sprachen gibt, so etwa im Russischen und im Französischen. Und auch im Englischen, denn auf Englisch heißt "du" eigentlich "thou", und dieses letztere Wort wird heutzutage nicht mehr verwendet - alle Engländer ihrzen sich.
Wenn es einem trotzdem erst mal etwas ungewöhnlich, ja eben beinahe "albern", erscheint, sein Gegenüber zum Beispiel zu fragen "wie geht es euch heute", dann hängt das wohl damit zusammen, dass wir solche Formulierungen sonst hauptsächlich von Theaterbühnen gewohnt sind: Dort redet in einem Bühnenstück vielleicht mal der Untertan seinen fürstlichen Herrn mit "ihr" an, und dieser antwortet dann natürlich in der Du-Form zurück... Und genau das ist nämlich auch der entscheidende Unterschied. Der Pluralis majestatis, wie man diese Form der Anrede sprachwissenschaftlich nennt, geht nämlich in der Regel nur in eine Richtung (immer vom Rangniedrigeren zum Ranghöheren), das moderne Ihrzen dagegen in beide Richtungen. Da die Idee dabei ist, es unter Bürgern zu verwenden, bezeichne ich es auch als Bürger-Ihr.
Zu überlegen ist auch noch, dass ja das Duzen für gewöhnlich in Kombination mit dem Vornamen verwendet wird ("Peter, wo bist du"), das Siezen hingegen zusammen mit "Dame" oder "Herr" plus dem Nachnamen. Welche namentliche Anrede ist dann dem Ihrzen angemessen, wenn es wirklich neutral zwischen den beiden anderen Formen stehen soll? Ich habe mir dafür überlegt, dass "Don" plus Vorname hier am passendsten ist, denn dieser Namenszusatz aus dem Spanischen (und zugleich Italienischen) wird auch tatsächlich mit dem Vornamen kombiniert.
Warum überhaupt solche Anklänge an den Adel? War der europäische Adel nicht etwas ganz furchtbares, von dem wir froh sein können, dass wir ihn los sind? Nein, ich glaube nicht. Unangenehm sind uns die Erinnerungen an den Adel nur deswegen, weil es damals eine Gesellschaft mit unterschiedlichen Klassen beziehungsweise Ständen gab. Mit Menschen, die mehr wert waren als andere, und Menschen, die weniger wert waren. Von diesem einen Punkt - mit dem durch das BGE übrigens ein für allemal aufgeräumt wird - abgesehen war der Adel eine durchaus kultivierte Gesellschaft, die uns in mancherlei Hinsicht auch heute noch Vorbild sein kann. Etwa in der Hinsicht, dass Adelige meistens gebildet waren und sich nicht hauptsächlich über ihre Arbeit definierten. Gerade letzteres fällt vielen Leuten heute sehr schwer; und zwar so sehr, dass sich auch manche jetzt gerade verwundert fragen werden, ob dieser Aspekt, dass Adelige nicht gearbeitet haben, überhaupt etwas ist, wofür man sie heute bewundern sollte. Ja, das sollte man, und genau an dieser Stelle schon beginnt der Lernprozess.
Vielleicht werde ich darauf auch noch mal in einem eigenen Text näher eingehen, doch jetzt will ich lieber noch eine weitere Anekdote berichten, die es verständlicher macht, worin eigentlich genau die tiefere Bedeutung dieses Bürger-Ihrs liegt:
Wie ich schon erwähnt hatte, gibt es europäische Sprachen, in denen man sich auch heute schon ihrzt, so etwa das Französische. Dort benutzt man das Ihr übrigens, anders als das "you" im Englischen, ziemlich genau so wie wir im Deutschen das Sie. Doch warum eigentlich? Warum sagen die Franzosen zueinander "ihr", und wir sagen zueinander "Sie"?
Im Mittelalter war es wohl so, dass sowohl im Deutschen als auch im Französischen das Ihr eine Pluralis-majestatis-Form war, die man gegenüber Fürsten und Adeligen benutzte. Das änderte sich offenbar ziemlich genau zur Zeit der französischen Revolution.
Warum, das müsste vielleicht auch noch mal genauer nachrecherchiert werden, doch vieles spricht dafür, dass es sich folgendermaßen verhielt: Die Franzosen waren einfach ziemlich verrückt und "albern" (dieser Begriff existiert übrigens auch im Französischen nicht), denn kaum war die Revolution gelungen, ersetzten sie zum Beispiel ihren alten Kalender durch einen neuen, die königlichen Lilien in den Wappen durch Käfer, die Beile bei den Hinrichtungen aus humanitären Erwägungen heraus durch Guillotinen - und es wurde der Brauch eingeführt, dass man jetzt nicht nur die Adeligen mit "vous" ansprach (ihrzte), sondern ab sofort nun auch alle gegenseitig. So konnte man zum Ausdruck bringen, dass alle Bürger gleich sind. Als dann irgendwann Napoleon sein Waterloo erlebte und der alte Adel wieder neu eingesetzt wurde, schaffte man die Käfer in den Wappen und den neuen Kalender wieder ab, die Guillotinen wurden (nach einer kurzen Übergangsphase) nur noch sparsamer eingesetzt, und das Ihrzen - nun, das Ihrzen wurde beibehalten, und zwar bis zum heutigen Tag. Denn alles andere konnte man rückgängig machen, nur, dass alle Menschen gleich sind, dass war den Franzosen wichtig, und das wollte man sich von keinem neuen König mehr nehmen lassen. Das war dann auch der Geist der Revolution von 1830 und der Geist der Revolution von 1848, dass man sich die Freiheit und Gleichheit der Bürger nie wieder nehmen lassen wollte.
Warum ihrzen wir uns dann nicht in Deutschland? Denn selbstverständlich waren auch den Deutschen solche Werte wichtig, es wurde dafür gekämpft, es wurde dafür auf die Barrikaden gegangen. Nur: Die Revolution von 1789 gab es eben nur in Frankreich. In den deutschen Staaten saßen zu jener Zeit die adeligen Fürsten noch relativ fest im Sattel, und wenn auch aufklärerische Ideale damals schon weit verbreitet waren und viele Bürgerliche neidisch nach Frankreich schielten, so wäre einem eine Verspottung des Adels durch allgemeines Ihrzen damals wohl schlecht bekommen. Es musste eine Ausweichmöglichkeit gefunden werden, ein Weg, wie man den Geist einer neuen Zeit zum Ausdruck bringen konnte ohne dabei den eigenen Landesfürsten zu beleidigen.
Und dieser Kompromiss bestand dann am Ende darin, dass man zwar seinen König weiterhin ihrzte, für Bürger von gleichem Rang jedoch von nun an die dritte Person Plural verwendete, also das Sie. Der Pluralis majestatis starb dann irgendwann doch mal aus, weil den Adeligen ihr privilegierter Sonderstatus im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts dann wohl doch peinlich zu werden begann, zu wenig passte er in das neue Zeitalter. Doch da sich das bürgerliche Siezen in Deutschland nun schon mal eingebürgert(!) hatte, blieb man nun auch dabei. Das Ihrzen wirkte inzwischen wohl schon etwas unmodern, und die Begeisterung für alles Französische hatte sich nun, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, auch schon wieder ein bisschen gelegt. Anschließend dachte man nicht mehr darüber nach, und aus diesem Grund reden wir Deutsche(n) bis zum heutigen Tage fremde Leute mit Sie an.
Ich überlasse es euch als Leser zu entscheiden, welche*n von den hier geschilderten Anekdoten, Impulsen und Wortspielen der ganzen Albernheit - nun ja - die Krone aufgesetzt hat.

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28. Oktober 2019 [Gesellschaft]
Philosophie der Verbote
Der Philosoph und Buchautor Richard David Precht äußert sich in Talkshows und Zeitungen immer ganz gerne zum Thema Verbote. Das scheint mir sehr interessant und wichtig zu sein, deswegen schreibe ich hier auch einmal meine Ansichten dazu auf.
Dabei wirkt die Frage "brauchen wir eigentlich Verbote" auf den ersten Blick ein bisschen kurios, denn was Precht dazu erst mal zu sagen hat, klingt eigentlich völlig banal: Wir alle sehnen uns nach Freiheit, doch die Freiheit des einzelnen findet ihre Grenzen in der Freiheit des anderen, und deswegen braucht es Verbote.
Schon hier zieht Precht seine Schlussfolgerungen allerdings etwas zu voreilig, denn nur der erste Teil dieser Aussage ist offensichtlich und unstrittig. Bevor ich das allerdings genauer analysiere, hier noch eine interessantere Frage: Warum wird so eine Diskussion in Deutschland überhaupt geführt? Wer kann denn überhaupt etwas gegen Verbote haben, wenn es doch unbestritten ist, dass es sie geben muss? An wen wendet sich Precht, indem er es erst einmal geduldig erklärt?
Angemerkt werden muss, dass es sich bei dieser Grundsatzfrage nicht um eine politische Frage handelt, eher vielleicht um eine kulturelle: Politisch ist sie deswegen nicht, weil jede Partei in Deutschland gerne irgendwelche Verbote haben will. Die CDU will, dass Marihuana (weiterhin) verboten bleibt, die Grünen wollen, dass mit 200 km/h auf der Autobahn zu fahren verboten wird. Es gibt so gut wie keine Partei in Deutschland, die generell gegen Verbote ist.
Verbote sind also offensichtlich einfach Teil unserer Kultur, und zwar spezifisch der deutschen. Denn in kaum einem anderen Land der Welt findet man im öffentlichen Raum so viele Regeln und Verbote wie hierzulande. Ich glaube, dass das besonders Kinder sehr stark betrifft. Als Kind sucht man immer nach Abenteuern, doch speziell in deutschen Großstädten sieht man wirklich an fast jeder Spielwiese ein Schild "Betreten dieses Geländes verboten", an Brunnen steht "Trinken und Baden verboten", an Hauswänden "Fahrrad abstellen verboten". Erklärungen, warum das jeweils verboten ist, gibt es nur selten; und auch Möglichkeiten, eine Aufhebung des jeweiligen Verbots zu erwirken, wenn man damit nicht einverstanden ist, hat man als Kind (im Gegensatz vielleicht zu Erwachsenen) nur extrem selten. Selbst, wenn einem ein Verbot noch so willkürlich erscheint.
Da ist es, finde ich, nicht allzu verwunderlich, dass Deutschland nicht nur ein Land mit besonders vielen Verboten ist, sondern gleichzeitig auch ein Land, indem besonders viele junge Menschen von einer Welt ohne Verbote träumen. Diese Phase des Lebens dauert dann oft genau so lange, bis man alt genug ist, um realistischerweise auch selbst vielleicht mal als Bürgermeister oder so in den Stadtrat gewählt werden zu können.
Wie ist das in anderen Ländern dieser Welt? Schon in englischsprachigen Ländern, die uns ja kulturell relativ ähnlich sind, fällt auf, dass wir die Wörter "forbidden" und "prohibited" dort auf Schildern sehr viel seltener lesen als bei uns "verboten". Statt "Rauchen verboten" steht dort zum Beispiel "no smoking", also "kein Rauchen". Was lehrt uns das?
Vielleicht gar nichts, denn es mag sein, dass "no smoking" eben einfach nur eine andere Art ist um auszudrücken, dass irgendwo ein Rauchverbot besteht. Wir Deutschen sind eben etwas expliziter, wollen keinen Raum für Missverständnisse geben. Dennoch sollte man an dieser Stelle als Philosoph vielleicht mal anmerken, dass zwar Verbote in irgendeiner Form etwas Universales sind, nicht jedoch deren explizite Ausformulierung. In jedem Haus der Welt gibt es Regeln, an die man sich halten muss, doch nicht in jedem Haus gibt es Hausordnungen, in denen sie Paragraph für Paragraph niedergelegt sind. Vereinbarungen, wie sich Menschen zu verhalten haben, kann man schriftlich treffen oder auch mündlich, sie können explizit oder implizit sein, und bei vielen Naturvölkern entspringen sie auch einfach nur alter Gewohnheit. Auch Tabus sind zum Beispiel natürlich eine Form des Verbots.
Ich glaube, der Grund, warum wir hier in Deutschland so viele explizite Regeln und Verbote haben, ist zum einen unsere Ordnungsliebe, und zum anderen auch der Umstand, dass man ein Verbot eben auch über genau definierte Verfahren ändern kann und uns das, in gewisser Weise, zusätzliche Flexibilität gibt, wenn wir die Regeln unseres Zusammenleben verändern und den sich ändernden Erfordernissen der modernen Zeit anpassen möchten.
Dass Precht diese Argumente, die für die Existenz von Verboten sprechen, gar nicht erwähnt, finde ich ein bisschen schade. Und zugleich tut er dann so, als wäre ein Zusammenleben ohne Verbote völlig unmöglich, was, wie wir gerade gesehen haben, ebenfalls nicht ganz den Tatsachen entspricht. Außer natürlich in einer sehr weit gefassten Definition des Wortes.
So viel zu den philosophischen Aspekten des Verbietens. Anschließend sagt Precht auch noch ganz praktisch und konkret, was er zum Beispiel gerne verbieten würde, und welche Verbote in der Vergangenheit er gut gefunden hat.
Völlig der gleichen Meinung wie Precht bin ich darin, dass es eine gute Entscheidung gewesen ist, das Rauchen in öffentlichen Gebäuden und zum Teil auch in Gaststätten zu verbieten. Früher in den siebziger Jahren hat man sich so etwas kaum vorstellen können, heute ist es geradezu zu einer Selbstverständlichkeit geworden, und niemand regt sich mehr wirklich über dieses Verbot auf.
Ich glaube, dass sogar auch Prechts Interpretation dieser Erfolgsgeschichte zu weiten Teilen stimmt. Die Menschen wollen einfach wissen, was Sache ist, und klare Regeln haben, an die man sich halten kann, sodass man nicht jedes Mal wieder neu über so etwas nachdenken muss. Die Politik muss hier den Mut haben, klare Entscheidungen zu treffen, selbst wenn sie im ersten Augenblick erst mal etwas unpopulär sind und auf Widerstände stoßen. Denn: Regeln und Verbote sind einfach eine Art, unser Zusammenleben zu gestalten, zu designen. Gutes Design erfordert manchmal auch, dass man mit klaren, kräftigen Strichen malt, mit einem Gespür für das Gesamtbild. Das, was am Ende herauskommt, rechtfertigt dann mitunter, sich dafür erst über hundert kleine Gegenkräfte hinweggesetzt haben zu müssen.
Doch einen weiteren wichtigen Grund, warum das mit dem Rauchverbot so gut geklappt hat, unterschlägt Richard David Precht leider völlig: Nämlich den, dass es auch einen universellen, ethischen Grund dafür gibt, dass man das eingeführt hat, und dass dieser Begründung auch die meisten Raucher zustimmen würden: Nämlich dass es unethisch ist, einem Nichtraucher durch Passivrauch gegen seinen Willen gesundheitlichen Schaden zuzufügen.
Das mag zwar etwas spitzfindig klingen, doch letztendlich haben sich eben nicht die Lobbies und Verbände der Nichtraucher gegen die Lobbies und Verbände der Raucher durchgesetzt, sondern es hat sich viel mehr in beiden Gruppen die Erkenntnis durchgesetzt, dass Rauchverbote für unsere Gesellschaft als ganzes der bessere Weg sind.
Genau so funktioniert Demokratie. Es geht in einer Demokratie nicht darum, dass die einen gewinnen und die anderen verlieren, sondern darum, dass alle gewinnen. Das Spiel, das wir immer in der Politik und den Medien beobachten, liegt einfach in der Mechanik des Systems begründet. These und Antithese dienen eben nicht dem Zweck, die Wahrheit in die eine oder andere Richtung hin zu verzerren, sondern zu einer Synthese zu führen, welche die Menschheit insgesamt voran bringt. Dessen sollte man sich, finde ich, gerade auch als Philosoph jederzeit bewusst sein und die Menschen auch darauf aufmerksam machen, denn viel zu viele Leute gibt es leider, denen es nicht so im Detail klar ist, wie dieses unsere System funktioniert.
Nachdem das gesagt ist, noch kurz zu den weiteren Statements von Richard David Precht: Er möchte unter anderem, dass Kurzstreckenflüge und SUVs in Deutschland verboten werden. Was ist davon zu halten?
Hier geht es gar nicht mehr um die philosophische Frage "Verbote ja oder nein", sondern es geht um ganz konkrete Verbote, und da muss man sich entsprechend auch die konkreten Argumente dafür und dagegen ganz genau anschauen. Gegen Kurzstreckenflüge und SUVs spricht, dass sie viel CO2 verbrauchen, und im Falle der SUVs außerdem noch die erhöhte Unfallgefahr. Gerade letzteres würde, finde ich, sehr für ein Verbot sprechen, sofern es denn stimmt. Ob es allerdings stimmt, dass muss man allerdings auch anhand von Statistiken überprüfen, denn gerade "Unfallgefahr" ist, kommt mir oft vor, in Deutschland ein Argument, das sehr oft auch nur vorgeschoben wird, wenn man seine eigentlichen Beweggründe - etwa die Wiese, die man als Schuljunge mal wegen "Unfallgefahr" nicht betreten durfte - in der Öffentlichkeit nicht näher erklären möchte. Wenn eine Unfallgefahr allerdings tatsächlich besteht, dann ist das, finde ich, ein sehr gutes Argument.
Das andere ist das mit dem CO2. Auch das ist ein gutes Argument, nur bin ich in diesem Fall der Meinung, dass man auch zuerst andere Maßnahmen überprüfen sollte, etwa die CO2-Steuer. Soweit diese nicht zu dem gewünschten Effekt führt und das prinzipielle Gründe hat, muss man als nächstes überprüfen, wo die größten Einsparungspotenziale bestehen, und diese dann eines nach den anderen ausschöpfen, etwa durch Schließung von Braunkohlekraftwerken. Und dann kommt man vielleicht auch irgendwann einmal bei den SUVs an. SUVs alleine nur deswegen zu verbieten, weil man "die Haltung so rotzig findet" (Zitat von Precht), trotz Klimakrise noch SUV zu fahren, finde ich als Begründung nicht ausreichend. Denn vielleicht sind diejenigen, die in der Öffentlichkeit SUV fahren, ja vom Ernst der Lage und der Sinnhaftigkeit der Fridays-for-Future-Bewegung gar nicht so recht überzeugt. Und dann ist es auch ihr gutes Recht, das in der Öffentlichkeit mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Dass diejenigen, die das meiste Geld besitzen, nicht immer zugleich auch diejenigen mit dem höchsten Bildungsstand sind, das ist einfach so. Das lässt sich rein durch Verbote nicht ändern.
Und schließlich zu den Kurzstreckenflügen: Selbst wenn das mit der CO2-Steuer aus irgendwelchen Gründen nicht funktioniert, so spricht doch definitiv nichts dagegen, hier in Deutschland eine Kerosinsteuer einzuführen; und zwar in solcher Höhe, dass es dann auch tatsächlich deutlich weniger Flüge gibt.
Wenn dann jemand trotzdem noch weiter von Bonn nach Berlin mit dem Flugzeug reist, dann wird er dafür schon irgendwelche Gründe haben, und die sollte man respektieren. Ein denkbarer Grund wäre zum Beispiel, dass die Bahn in Deutschland ständig unpünktlich ist. Wenn dann die Leute aufs Flugzeug ausweichen, ist das für die Umwelt langfristig vielleicht sogar von Vorteil: Die Bahn ist dann gezwungen, die Pünktlichkeit ihrer Züge zu verbessern, und dann reisen die Leute vielleicht auch auf längeren Strecken, etwa von Berlin nach Paris, gerne mal mit dem Zug. Ich finde, man sollte den Menschen auch immer die Möglichkeit geben, ihren eigenen Lebensstil zu finden: Der eine reist fünfmal im Jahr zwischen Bonn und Berlin mit dem Zug hin und her, und fliegt dann mit Ryanair nach Mallorca. Die andere pendelt fünfmal im Jahr mit dem Flugzeug zwischen Bonn und Berlin, weil sie das praktischer findet, und macht dann im Sommer eine mehrwöchige Fahrradtour nach Madrid. Warum soll das eine moralisch und das andere unmoralisch sein? Wenn man nur die reichen Geldsäcke nicht mag, die sich offenbar trotz Kerosinsteuer noch Kurzstreckenflüge leisten können, dann soll man das, finde ich, direkt sagen, statt nur andere Gründe vorzuschieben. Dass Umverteilung tabu ist, hat niemand gesagt.
Fazit: Verbote sind vom Prinzip her gut und richtig. Doch wenn man sie in Deutschland wie Jedischwerter einsetzt, um damit einen epischen Kampf zwischen zwei Weltanschauungen auszukämpfen, dann finde ich das auch schnell schon mal albern.

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27. Oktober 2019 [Leben in Deutschland]
Eine sonntägliche S-Bahn-Fahrt
Jede deutsche Stadt hat ihr alkoholisches Getränk, das man kennen muss, wenn man das Herz der Alteingesessenen gewinnen möchte. Und jede hat ihren regionalen Verkehrsverbund, über den man sich immer wieder neu aufregen könnte oder es lassen kann. In Frankfurt ist das der RMV.
Also, um es nur einmal beispielhaft zu beschreiben... Heute kommt kurz vor der Einfahrt im Frankfurter Flughafen plötzlich die Durchsage "diese S-Bahn hält heute nicht in Kelsterbach". Zufällig muss ich aber genau dort hin. Auf eine weitere Durchsage mit der Information, wie ich denn nun stattdessen dorthin komme, wartet man vergebens.
Ich hole mein Smartphone aus der Tasche, öffne meinen virtuellen Schienennetzplan und denke darüber nach, wie hoch die Wahrscheinlichkeit wohl ist, dass von der nächsten S-Bahn-Station aus in die Gegenrichtung ein Zug über Kelsterbach fährt. Nicht allzu hoch, vermute ich.
Ich öffne die virtuelle Landkarte - die Offlinemap genügt nicht, da der Ausschnitt nur bis zum Flughafen reicht; zu meiner Erleichterung funktioniert aber heute ausnahmsweise mal das Internet und ich kann Google Maps laden - und komme zu der Erkenntnis, dass Kelsterbach sich ganz in der Nähe vom Flughafen befindet, aber eine Riesenstrecke weit von Raunheim, der nächsten S-Bahn-Station, entfernt.
Ich gehe zur Ausstiegstür. Da ist gerade schon das rote Licht vom Türknopf erloschen und die S-Bahn setzt sich wieder in Bewegung.
Die Fahrt bis nach Raunheim dauert tatsächlich so beunruhigend lange, wie der Blick auf die Karte es zuvor vermuten ließ. Ob es wohl einen Ersatzbus geben würde?
Ich sehe keinen, und so entscheide ich mich, von hier aus zu Fuß zu gehen. Das Wetter ist grau und kalt und verregnet, aber zumindest verlaufen kann man sich nicht, denn man muss einfach in die Richtung gehen, aus welcher der Zug gerade gekommen ist, und dabei irgendwo im Bereich zwischen dem Gleis und dem Main bleiben. Außer einem kleinen Gewerbegebiet gibt es keine weitere Ortschaft zwischen Raunheim und Kelsterbach.
Knapp zehn Minuten lang geht man nur durch den Ort selbst, denn selbst kleinste Ortschaften sind hier im Rhein-Main-Gebiet immer noch ein gutes Stück ausgedehnter als es der Blick auf die Karte vermuten lässt. Unterwegs fährt jemand mit einem E-Scooter an mir vorbei. Womöglich wäre das jetzt das richtige gewesen, doch dann hätte ich mich extra dafür jetzt anmelden und eines von den Dingern auftreiben müssen. Außerdem fällt mir gerade auf, dass E-Scooter auch einen Nachteil haben, den man kennen muss: Man sollte dann bei einem Wetter wie heute besser ein Regencape tragen. Der Schirm kettet mich schicksalhaft an mein tristes Dasein als Fußgänger.
Nach ungefähr zwanzig Minuten passiert etwas, was mir hier in der Region schon einmal erlebt habe, und worüber ich mich richtig ärgern könnte: Trotz Klimakrise und Greta Thunberg hört der Fußgängerweg, der mich bisher noch die Schnellstraße sicher entlanggeführt hat, unvermittelt einfach auf, und nur die Fahrbahn für die Autos geht weiter. Was haben sich die Stadtplaner dabei gedacht... Rechts von mir ist eine Abzweigung mit einem Schild "für Unbefugte verboten", vor mir noch eine Bushaltestelle, an der allerdings sonntags keine Busse fahren. Ich habe die Wahl, entweder mit hoher Wahrscheinlichkeit Autofahrer zu verärgern, indem ich am Rand der viel befahrenen Schnellstraße gehe, oder mit sehr viel geringer Wahrscheinlichkeit den Eigentümer der ausgedehnten Stoppelwiese, die rechts vor mir liegt. Ein Schild, das deren Betreten verbietet, sehe ich nicht (in Offenbach gibt es übrigens eine sehr ähnliche Wiese, an der ein solches Schild tatsächlich aufgestellt ist - wegen Unfallgefahr, Eltern haften für ihre Kinder), und so trete ich das große Abenteuer an. Man wird nie zu alt für so etwas.
Ich habe Glück, denn schon nach einigen Minuten tut sich auf der Wiese ein schmaler Pfad auf, kaum für das Auge sichtbar, aber doch komfortabel zum Gehen. Er führt mich langsam nach rechts, Richtung Bahngleis, und - hurra - eine öffentlicher Bahnunterführung ist erreicht. Von nun an führt mein Weg, auf der anderen Seite der Bahnstrecke, wieder eine richtige Straße entlang, diesmal mit wenig Autoverkehr. Nur ein einzelnes Polizeiauto, das mir entgegen kommt, muss mich mit großem Bogen umfahren. Ich muss nostalgisch an meine Grundschulzeit denken, wo wir gelernt haben, dass man als Fußgänger, so kein Bürgersteig vorhanden, immer auf der linken Seite der Straße gehen sollte.
Nun geht es einen Wald entlang, und ich kann dort Eichhörnchen an den Bäumen ganz aus der Nähe beobachten. Ich mache ein Foto davon mit meinem Smartphone. Die Aufnahme gelingt gut, nur werden die Farben leider nicht so schön wie in Wirklichkeit, wegen dem zu hellen Gegenlicht.
Irgendwann geht es wieder unter einer Bahnunterführung hindurch, und nach einem weiteren Kilometer erreiche ich Kelsterbach. Diese Ortschaft ist riesig, ich gehe eine halbe Ewigkeit zwischen Wohnblöcken und anderen Häusern hindurch, bis ich endlich bei der S-Bahn-Station ankomme, wo ich eigentlich hinwollte, und noch einen kleinen Fußweg weiter bin ich dann an meinem Ziel.
Insgesamt hat der Fußmarsch knapp neunzig Minuten gedauert. Hätte ich heute morgen nur die Winterzeit übersehen, dann wäre ich heute genau pünktlich zum Sonntagsgottesdienst gekommen, denke ich wehmütig. So bin ich immerhin noch knapp rechtzeitig bei Schlussgebet und Kollekte. Ein bisschen Entschleunigung tut unserem Leben aber manchmal auch gut.
Später muss ich natürlich auch wieder nach Frankfurt zurück. Den Schienenersatzverkehrsbus, den es tatsächlich gibt, verpasse ich knapp, und der nächste kommt erst in einer Stunde. So entschließe ich mich, abermals zu Fuß zu gehen, diesmal zur S-Bahn-Station Flughafen. Diese ist auch tatsächlich deutlich näher als die von Raunheim. Nur ausgeschildert ist nichts.
Da ich es hasse, alle paar Minuten mein Smartphone aus der Tasche zu ziehen, gehe ich einfach immer weiter den riesigen Flughafen an der Außenumgrenzung entlang, in der Hoffnung, nicht schon an der S-Bahn-Station vorbeigegangen zu sein. Man geht da wiederum eine Schnellstraße entlang, diesmal kulanterweise mit Bürgersteig, und vor mir sehe ich irgendwann eine Fußgängerüberführung, die in ein Parkhaus führt. Ob das der Weg in den Flughafen hinein ist? Ich war irgendwie schon sehr lange nicht mehr hier.
Ich entscheide mich, lieber noch ein Stück geradeaus weiterzugehen. Wundern würde mich jetzt gar nichts mehr, doch tatsächlich komme ich irgendwann an eine Kreuzung, wo der Regionalbahnhof sogar ausgeschildert ist ("Fern-/Regioanlbhf." - sic) und man über einen Weg mit dem poetischen Namen "Taxistraße" ins Innere der heiligen Hallen des Flughafens gelangt. Dort sind es noch einige weitere Minuten zu gehen, doch hier genieße ich diesen Spaziergang auch irgendwie, denn so ruhig und sauber wie im Flughafen, das meine ich ganz ernsthaft, ist es in Frankfurt, jedenfalls im öffentlichen Raum, sonst nirgendwo, und das lässt einen erleichtert durchatmen. Nur die Rolltreppen funktionieren nicht alle, aber ich bin ja noch jung; mit 35 kann man auch noch mal ein paar Stufen hochsteigen. Die S-Bahnen fahren nämlich diesmal alle am Fernbahnhof ab (was übrigens auch der Grund gewesen ist, warum heute beim Herkommen die Internetverbindung funktionierte).
Bis zur Abfahrt meiner S-Bahn sind es noch zehn Minuten, und ich nutze die Zeit, um noch eine Entdeckung zu machen: Es gibt am Fernbahnhof vom Frankfurter Flughafen eine Rewe-Filiale, und die hat sonntags geöffnet. Und anders als bei den Einkaufsmöglichkeiten im Frankfurter Hauptbahnhof sind dort weder die Preise besonders teuer, noch muss man sich besonders lang anstellen. Nur die Brezeln sind etwas teuerer als in anderen Rewe-Filialen, aber dafür - und jetzt kommt der Hammer - ist stilles Mineralwasser von Vittel in der 1,5-Liter-Flasche dort um satte 20 Cent günstiger als in jeder anderen Rewe-Filiale, in der ich bisher eingekauft habe. Davon habe ich mir glatt ein Erinnerungsfoto gemacht, denn so günstig bekommt man das sonntags nirgendwo sonst. Ein echter Geheimtipp also.
Die S-Bahn kam pünktlich, wenn auch nicht genau an dem Bahnsteigsabschnitt, an dem ich und ungefähr fünfzig weitere Leute sie erwartet hatten. Das hat mir heute aber auch nicht mehr den Tag verderben können, denn da ich zu den wenigen gehörte, die keinen Koffer dabei hatten, konnte ich vergleichsweise gemütlich gehen. Solange noch einsteigende Leute die Lichtschranken blockieren, geht nichts weiter; auf die deutschen Sicherheitsbestimmungen kann man sich nach wie vor verlassen.
So hatte ich heute wieder mal einen sehr entspannten und angenehmen Sonntag. Und ich hoffe, ihr auch.

Nachtrag: Das stille Mineralwasser scheint inzwischen wohl wieder teurer zu sein.

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24. Oktober 2019 [Politik]
Andrew Yang und die Freiheitsdividende
In den USA tritt gerade ein Andrew Yang mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens zur Vorwahl des Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei an. Er bezeichnet das BGE dabei als "freedom dividend", also "Freiheitsdividende".
Wie gut seine Chancen eigentlich sind, das vermag ich gar nicht so genau zu beurteilen, denn dazu kenne ich dieses Land und die Leute dort einfach nicht gut genug. Aus diesem Grunde verfolge ich diesen Vorwahlkampf bisher auch immer nur ganz am Rande. Ganz uninteressant ist die ganze Sache jedoch natürlich trotzdem nicht, und so ist das entsprechend auch unter BGE-Engagierten hier im Rhein-Main-Gebiet ein beliebtes Gesprächsthema. Diese Reaktionen auf das, was Andrew Yang da macht, sind beinahe noch spannender als der Kandidat selbst.
So hab ich neulich von jemandem aus dem Bündnis Grundeinkommen mal den Kommentar gehört, das mit der Freedom Dividend sei ein "genialer Schachzug", weil Andrew Yang das BGE dadurch auf amerikanische Weise verpackt. Ob das wohl stimmt?
Erst mal zum Schachzug: Dieses Wort kommt mir ein bisschen schief vor, und dann aber doch auch wieder nicht. Etwas schief ist es insofern, als dass Einsatz für das bedingungslose Grundeinkommen kein Schachspiel ist. Es wird nämlich am Ende gar keinen Verlierer geben, keinen, der schach matt gesetzt wird. Egal, gegen wen Andrew Yang antritt, auch dieser Gegenkandidat wird am Ende ja seine tausend Dollar im Monat, oder wieviel auch immer das dann sein werden, ausgezahlt bekommen und somit ein Gewinner sein. Er kann sich mit diesem Geld überlegen, was seine eigentliche Berufung im Leben ist und sich dieser ganz widmen.
Bei genauerem Hinsehen ist dieser Vergleich aber vielleicht auch gar nicht so verkehrt, denn auch beim Schachspielen gibt es auf einer höheren Ebene keinen Gewinner und keinen Verlierer. Derjenige, der vom anderen schach matt gesetzt wurde, hat trotzdem gewonnen, weil er ein spannendes Spiel gespielt und sich selbst und seine Fähigkeiten dabei ausgetestet hat. Es gehört eben einfach nur zu den Spielregeln des Schachs, dass da einer pro forma als Sieger, der andere als Verlierer bezeichnet wird. Analog wird in der Politik pro forma derjenige, der bei einer Wahl weniger Stimmen bekommen hat, als Verlierer bezeichnet, obwohl er das auf einer ganzheitlicheren Denkebene vielleicht gar nicht ist. So gesehen stimmt der Vergleich mit dem Schach, und Andrew Yang hat, da stimme ich übrigens auch zu, ganz offensichtlich einen klugen Schachzug gemacht.
Doch stimmt es auch, dass Andrew Yang das bedingungslose Grundeinkommen "amerikanisch verpackt" hat? Vielleicht, damit die amerikanischen Wähler, mit ihrer bekannten Liebe zur Freiheit und ihrem Misstrauen gegenüber staatlicher Einmischung, die Idee dann "besser schlucken"? Nein, an dieser Stelle sehe ich einen Denkfehler, eine Unstimmigkeit.
Denn der Vergleich mit der Verpackung suggeriert, dass sich im Inneren möglicherweise auch etwas anderes befinden könnte, als außen draufsteht. Die eigentliche politische Idee wäre demnach das "bedingungslose Grundeinkommen", und mit Geschick außen drangeklebt sei dann in Amerika eben noch der Begriff "Freiheitsdividende".
Nun ist es natürlich so, dass bei einem Wahlkampf in der Tat auch immer auf Äußerlichkeiten und Begrifflichkeiten geachtet werden muss, um von den Wählern richtig verstanden zu werden. Die USA war in der Weltpolitik lange Zeit der große Gegenentwurf zum Sozialismus, und dort sind in der breiten Bevölkerung mentalitätsmäßig andere Befindlichkeiten zu berücksichtigen als etwa hier in Deutschland. Zweifellos ist der erste Wortteil ("freedom") in "freedom dividend" in der Tat so zu verstehen.
Doch ausgerechnet der zweite Wortteil ("dividend"), der sich wie ein völlig offensichtliches Zugeständnis an die USA anhört - einem Land, wo die Leute ihr Geld bekanntlich oft lieber in Aktien anlegen als auf dem Sparkonto - ist in Wahrheit viel mehr als nur Verpackung, er ist Teil der Kernidee. Das wird hierzulande meines Erachtens noch zu wenig verstanden.
Was genau ist eine Dividende? Eine Dividende ist vor allem einmal ein Einkommen. Das muss man sich einmal bewusst machen, weil viele Menschen bei Einkommen als erstes einmal an "Lohn" oder "Gehalt" denken. Beim BGE handelt es sich allerdings weder um einen Lohn noch um ein Gehalt, denn man bekommt es nicht deswegen, weil man dafür eine bestimmte Arbeitsleistung erbringt oder einen gewissen Aufgabenbereich zugeteilt bekommt. Man bekommt das BGE "einfach so" - oder genauer sagt, eben nicht einfach so. Denn das BGE ist zwar bedingungs-, aber nicht voraussetzungslos. Es muss, damit es an die Bürger ausbezahlt werden kann, zuvor erst mal eine gewisse Wertschöpfung im Land erbracht worden sein. In Nigeria müsste ein BGE (ohne ausländische Unterstützung) vergleichsweise niedrig ausfallen, in den USA könnte es potenziell auch sehr großzügig sein, denn dort ruht es ökonomisch auf starken Schultern.
Denkt man den Begriff des bedingungslosen Grundeinkommens also auf nationaler Ebene - und als Kandidat fürs Präsidentenamt muss man auch so denken - dann ist es in letzter Konsequenz tatsächlich nichts anderes als eine Dividende.
Denkt man ihn auf weltweiter Ebene, dann ist das BGE ebenfalls eine Dividende. Denn auch da gilt, dass nur da ausbezahlt werden kann, was zuvor irgendwo erwirtschaftet wurde. Und auch da gilt, dass das BGE nicht wie ein Lohn oder Gehalt an irgendwelche weiteren Bedingungen geknüpft ist.
Nun könnte man auf semantischer Ebene noch darüber streiten, ob man Begrifflichkeiten denn unbedingt eins zu eins aus der Wirtschaftswissenschaft übernehmen muss, oder ob man für Dividenden, die auf politischem Wege eingeführt werden, nicht noch eigene Ausdrücke erfinden und in den Diskurs einbringen könnte. Doch jetzt im Augenblick gibt es für das, worüber wir hier sprechen, einfach keinen besseren und genaueren Ausdruck als Dividende.
Was Andrew Yang also hier macht, ist nichts weiter, als sich möglichst präzise auszudrücken, damit er möglichst wenig missverstanden werden kann. Er hätte möglicherweise auch noch den Ausdruck "Sozialdividende" wählen können - und gut, das ist dann vielleicht Wahlkampftaktik. In Wahrheit steckt im bedingungslosen Grundeinkommen bekanntlich sowohl der soziale als auch der freiheitliche Aspekt, und keines dieser zwei Elemente steht hierarchisch über dem anderen. Vielleicht müsste man da einen gänzlich neuen Begriff einführen, wie etwa "Nationaldividende", um es wirklich ganz treffend zu beschreiben.
Ich für meinen Teil bin allerdings nicht für eine Nationaldividende, sondern für eine globale Dividende, da mir das mehr ins 21. Jahrhundert zu passen scheint. Aus diesem Grund werde ich auch bei mir zuhause noch nicht die Sektkorken knallen lassen, wenn Andrew Yang nächstes Jahr die Wahl in den USA gewinnt, sondern es lediglich als Bestätigung und Ermutigung betrachten, mich immer weiter für diese Idee zu engagieren, bis es das irgendwann auf der ganzen Welt gibt.

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23. Oktober 2019 [modernes Leben]
Leseempfehlung: Blütenstaubwirtschaft
Eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist eines, das es in den meisten Buchhandlungen gar nicht zu kaufen gibt. Es ist aber unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht worden und auf der Homepage www.bluetenstaubwirtschaft.ch kostenlos zu lesen: Blütenstaubwirtschaft von Georg Hasler, mit dem Untertitel "Wenn Dinge zu Daten werden".
Konkret gefällt mir an diesem Buch, dass es eine sehr zugängliche und anschauliche Einführung in das Thema Digitalisierung darstellt. Und das ist aus meiner Sicht eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Um einen ungefähren Eindruck davon zu vermitteln, wie sich dieses Buch so liest, gebe ich hier einen Ausschnitt daraus wieder. Darin geht es um die Frage, wie wir in dieser heutigen Zeit mit Wissen umgehen:

--- Seit der Kindheit ist mir vertraut, dass viele lustige Spiele darin bestehen, eine Gruppe in zwei zu teilen und voreinander Geheimnisse zu haben. Versteckspielen ist sinnlos, wenn man vorher sagt, wo man sich verstecken wird. Viele Spiele, oftmals Kartenspiele, sind gar nicht spielbar ohne Geheimhaltung der eigenen Karten und Absichten. Alle diese Spiele funktionieren aber nur dann, wenn sie auf einem gemeinsamen Wissen aufbauen, wenn der Kartensatz und die Spielregeln bekannt sind oder wenn beim Versteckspielen abgemacht wird, in welchem Gebiet man sich verstecken darf. Dieses Wissen muss gemeinsam vorhanden sein. Der geheime Teil bezieht sich nur darauf, wie man dieses Wissen anwenden, was für eine Strategie man wählen oder wo genau man sich verstecken wird. Wenn nur ein Teil der Spieler weiß, dass es ausnahmsweise fünf Asse unter den Karten gibt, oder wenn nur die einen den Schlüssel zu einem bestimmten Versteck besitzen, wird das Spielen sinnlos, enttäuschend und unfair. Es wird keinen Gewinner geben. Es wird nur diejenigen geben, die mehr wussten, und die anderen, die ihnen ausgeliefert sind. Das fühlt sich nicht nach Wettbewerb, sondern nach Gewalt an.
Ich glaubte als Kind nicht, dass solch unfaire Spielformen unter Erwachsenen gang und gäbe sind. Wenn ich Fragen stellte, freuten sie sich normalerweise über mein Interesse an der Welt und zeigten mir gern, was sie darüber wussten. Das war besonders bei Besuchern der Fall, die selbst keine Kinder hatten. Aber von eben einem solchen Besucher, er war Lüftungsingenieur, erhielt ich eines Tages auf eine interessante Frage zur Technik nur die Antwort, dass er mir das nicht sagen könne, da es Berufsgeheimnis sei. Er sagte dies mit Stolz und Würde, denn er war Geheimnisträger in einer Gruppe Verbündeter, er war eingeweiht, er durfte seine Firma nicht verraten. Anscheinend hing ihre Existenz davon ab, dass sie ihr Wissen nicht teilten. Die Vorstellung, dass erwachsene Menschen sich gegenseitig ihr Wissen vorenthalten, damit sie mit ungleichen Spießen kämpfen können, war eine Enttäuschung für mich.
Vor bald zweieinhalbtausend Jahren erklärte der Staatsmann Perikies das Selbstverständnis der Athener mit den Worten: «Wir unterscheiden uns auch in unseren Vorbereitungen auf den Krieg von unseren Gegnern. Wir öffnen nämlich allen den Zutritt zu unserer Stadt und suchen nicht gelegentlich durch Ausweisung von Fremden jemanden daran zu hindern, etwas zu lernen oder zu sehen, wovon, wenn es nicht verheimlicht wird, einer unserer Feinde Nutzen ziehen könnte; denn wir vertrauen weniger auf Vorbereitungen und Heimlichkeiten als auf unseren eigenen Mut im Augenblick des Kampfes.»
Das war die Stimmung, mit der wir zur Schule gingen, damit wir uns zu mündigen Erwachsenen entwickeln konnten. Jeder, der sich interessierte, sollte wissen dürfen und sein Wissen anwenden können. Dazu haben alle Menschen das gleiche Recht. Im Gegensatz zum Handeln ist das Denken frei. Der Einzelne zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er irgendein geheimes Wissen hat, sondern dadurch, dass er mit diesem Wissen etwas anzufangen weiß, es kombinieren und weiterentwickeln kann und den Mut aufbringt, es im richtigen Moment einzusetzen.
Aber ausgerechnet heute, wo durch die Digitalisierung und das Internet alle Bibliotheken der Welt, das gesamte kulturelle Erbe an Bild- und Tonmaterial, alle Kompositionen, Forschungsresultate, sämdiche Diplom- und Doktorarbeiten bis zum spezialisiertesten Fachwissen weltweit mit geringstem Aufwand zugänglich wären; ausgerechnet jetzt, wo die Bildung neuen Wissens dringend benötigt würde, um die großen Probleme der Welt anzugehen, wird dieses Wissen weggepackt und hinter Eigentumsrechten versteckt. Es muss dafür bezahlt werden oder es wird gänzlich geheim gehalten. Es darf nicht angewendet werden, weil es patentiert ist, oder es kann aus Staatsicherheitsgründen schon gar nicht publiziert werden. ---

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22. Oktober 2019 [Gesellschaft]
Prechts Paternalismus
Richard David Precht ist sehr oft bei Markus Lanz zu sehen. Vor ein paar Tagen ging es da unter anderem um Prechts Heimatstadt Solingen, die sehr interessant ist. Lange Zeit wurden dort Messer hergestellt, und man sieht diese noch heute im Stadtwappen. Früher ging es dieser Stadt wirtschaftlich gut, heute ist sie eher etwas verwahrlost. Ein bisschen "wie eine Stadt im Osten", so Precht, und mit hohem Ausländeranteil. Die Beschreibung hat mich an Offenbach erinnert, wo ich im Augenblick wohne.
Nun ja, abgesehen davon, dass es natürlich immer wieder komisch anmutet, wenn Ausdrücke wie "wie im Osten" und "hoher Ausländeranteil" heutzutage schon beinahe wie Synonyme von "der Stadt geht es wirklich dreckig" verwendet werden, waren Prechts Analysen eigentlich wie immer erst mal sehr klug. Der Philosoph und Buchautor sprach das Verschwinden der Mittelschicht und die Verwaisung der Innenstädte nicht nur in Solingen, sondern auch in anderen Metropolen Deutschlands an, und vieles davon ist richtig. Kleine Buchläden gibt es heute nicht mehr so viele wie früher, weil man heute eher zu großen Buchhandelsketten geht, und zusätzlich bekommt der Einzelhandel noch Konkurrenz durch den Internethandel, insbesondere durch Amazon. Das hat zur Folge, dass die Innenstädte inzwischen zunehmend veröden und es nicht mehr so viel Spaß macht wie früher, dort hinzugehen. Precht zufolge hat das auch soziale Auswirkungen, weil die Geschäfte und Märkte in den Innenstädten früher der Ort waren, an denen man sich getroffen und soziale Kontakte mit anderen Bewohnern der Stadt gepflegt hat.
Ich kann das, was Precht da ausführt, erst einmal sehr gut nachvollziehen, denn man muss ja nur mal in eine Stadt gehen, deren Bewohner etwas wohlhabender sind - etwa Königstein im Taunus oder Bad Homburg - und man wird den Unterschied erleben: Dort gibt es jeweils noch verhältnismäßig viel Einzelhandel im Stadtzentrum, und das sorgt auch für eine ganz andere Atmosphäre. Man kann dort noch ein bisschen das "alte Deutschland" fühlen, wie man es aus Kinderbüchern kennt. Die Verkäufer scheinen nicht nur fürs Geld zu arbeiten. Es macht Spaß und ist inspirierend, dort durch die Straßen zu schlendern.
Und Precht belässt es nicht bloß bei der Analyse des Ist-Zustandes, sondern macht auch gleich einen Vorschlag, wie man wieder in diese schöne alte Zeit zurückfinden könnte. Und zwar, indem man eine Onlinehandelssteuer einführt, quasi eine Amazonsteuer, und mit diesen neu generierten Einnahmen dann den Einzelhandel in den Innenstädten fördert. Auch diese Idee ist erst mal klug.
Denn eine solche Steuer hätte einen doppelten Effekt, und Precht hat, wenngleich er hauptsächlich den ersten Aspekt betont, sicherlich beides im Blick: Zum einen würden sich dadurch die Städte wieder neu beleben, es würde quasi ein Stück heimatliche deutsche Kultur wieder neu zu blühen anfangen. Und zum anderen, das ist vielleicht noch etwas mehr um die Ecke gedacht, würde dadurch auch die gesellschaftliche Akzeptanz für den Onlinehandel steigen. Denn von dem Geld, das man im Internet ausgibt, würde ja dann weniger in die USA fließen und mehr hier im Land verbleiben. Die 25 Prozent Steuern, die Precht fordern, würden schließlich niemanden ganz vom Onlineshoppen abhalten, aber man könnte es mit besserem Gewissen tun. Und die Einzelhändler in der realen Welt hätten zumindest eine gewisse Chance, da preislich mitzuhalten.
Also, klingt doch alles sehr klug und durchdacht. Precht hat bei Markus Lanz auch wieder eine Menge Applaus von den Zuschauern bekommen... Und doch - mich nervt dieser Paternalismus von Richard David Precht, es tut mir leid.
Denn letzten Endes ist das hier, so gut gemeint es auch ist, eine staatliche Subvention. Es wird etwas fördert, was vielleicht eigentlich von den Menschen gar nicht gewünscht ist. Und das ist bei Subventionen leider immer so. Und es ist auch so, dass jeder, der eine Subvention haben möchte, natürlich denkt, dass genau dieser Bereich die eine große Ausnahme ist, wo so etwas ausnahmsweise doch einmal sinnvoll und segensreich ist.
Dabei könnte man dem Veröden der deutschen Innenstädte doch auch ganz ohne staatliche Subventionen etwas entgegensetzen: mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Denn ein Buchhändler, der ein BGE in der Tasche hat, der kann auch Jahre lang ohne schwarze Zahlen über die Runden kommen, wenn ihm seine Tätigkeit Spaß macht und er das Gefühl hat, damit etwas Sinnvolles zu tun. Umgekehrt könnten die Angestellten in den großen Buchhandlungen höhere Gehälter verlangen, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Job nur dem egoistischen Vom-Markt-Drängen des netten alten Buchhändlers um die Ecke dient und ihren Kunden keinen echten Mehrwert bietet.
Ich schreibe das allerdings im Konjunktiv, denn ich persönlich kaufe zum Beispiel sehr gerne in großen Buchhandlungen ein, in Frankfurt zum Beispiel im Hugendubel, weil ich die große Auswahl zu schätzen weiß und ich es auch angenehm finde, wenn man beim Betreten eines Laden nicht sofort vom Personal angequatscht wird. Was einem Precht da so vorschwärmt, ist für mich zu achtzig Prozent Nostalgie, mit nicht allzu viel dahinter. Schwärmen von der guten alten Zeit, nur halt ein bisschen intellektuell verpackt.
Eine Sache würde sich allerdings mit einem bedingungslosen Grundeinkommen dennoch ändern: Die Paketboten von DHL und anderen Dienstleistern würden höchstwahrscheinlich höhere Löhne verlangen. Und das hätte den Effekt, dass Onlinekäufe dadurch natürlich teurer werden; vielleicht sogar um genau die 25 Prozent, die Richard David Precht fordert.
Am Ende käme es so gesehen also aufs gleiche heraus, jedoch mit einem Unterschied: Von einer Amazonsteuer hätten Paketboten erst mal nichts. Wenn man wirklich ernsthaft eine Gesellschaft will, in der es nur Gewinner und keine Verlierer gibt, wird man um ein BGE langfristig einfach nicht herumkommen. Alles andere ist nur Herumdoktern an den Symptomen, genau wie früher die Steinkohlesubventionen.
Ich wünsche mir für Deutschland und auch den Rest der Welt, um mal in Prechts eigenen Worten zu sprechen, Utopien statt Retropien.

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21. Oktober 2019 [modernes Leben]
Mehr zu Toki Pona
Die deutsche Sprache und Toki Pona haben den einen Punkt gemeinsam, dass es da viele zusammengesetzte Wörter gibt. Englischen Muttersprachlern macht es immer Spaß zu entdecken, dass zum Beispiel "snail" und "slug" auf Deutsch "Schnecke" und "Nacktschnecke" heißt, was das Lernen ungemein vereinfacht. Zugleich gibt es in unserer Sprache aber auch viele Stolperfallen, wie etwa das Fugen-s: Warum ist Zug plus Ticket gleich Zugticket, aber Tag plus Zeit nicht etwa Tagzeit, sondern Tageszeit? Eine allgemeine Regel dafür existiert nicht, man muss es bei jedem Wort einzeln lernen.
Ganz anders in Toki Pona, denn dort existiert kein Fugen-s. Man kann also, sobald man die 120 Grundwörter einmal gelernt hat, sofort mit der Bildung von Zusammensetzungen beginnen: telo ist zum Beispiel Wasser, suli ist groß - "telo suli" ist demzufolge Meer. Zu beachten ist lediglich das hier das Bestimmungswort, anders als im Deutschen und im Englischen, immer ans Ende kommt. "telo pimeja" ist schwarzes Wasser, also Kaffee. "telo walo" ist weißes Wasser, also Milch.
Etwas komplizierter wird Toki Pona, wenn man Wörter wie "Computer" darin ausdrücken will. Ein naheliegender Ausdruck dafür wäre "ilo nanpa", das heißt wörtlich "Nummerngerät". Denn alles, was ein Computer macht, basiert bekanntlich irgendwie auf Zahlen.
Bekanntlich? Ein Kind, das zum ersten Mal einen Computer benutzt, käme vermutlich gar nicht auf den Gedanken, dass ein Computer etwas mit Zahlen zu tun hat. Für Zahlen benutzt man einen Taschenrechner, den könnte man dann also als "ilo nanpa" bezeichnen. Mit einem Computer dagegen kann man Filme schauen, Wikipedia lesen, Lernspiele ausführen. Wenn man es so betrachtet, wäre also "ilo sona", Gerät des Wissens, der sehr viel treffendere Begriff.
Und genau das macht Toki Pona, finde ich, so faszinierend. Man muss sich immer wieder neu überlegen, was eigentlich die wesentliche Eigenschaft eines Gegenstandes oder eines Konzeptes ist. Und unter Umständen wird auch ein sechzigjähriger Programmierer, der noch die frühe Zeit der Computerentwicklung miterlebt hat, solche Geräte ganz anders sehen als jemand, der bereits mit einem Multimedia-PC im Wohnzimmer aufgewachsen ist.
Interessant ist auch das Wort "Internet": Da es die Grundwörter "zwischen" und "Netz" auf Toki Pona nicht gibt, muss man sich irgendwas anderes überlegen. Aus Nutzerperspektive ist das Internet immer ein Weg oder eine Methode irgendwas zu tun, dafür gibt es das Grundwort "nasin". Aber was für ein Weg? Denkbar ist, das Internet als "nasin pi len lupa" zu bezeichnen, das ist der Weg des Löchertextils, also des Netzes. Ein Netz ist nämlich in der Tat einer Art von Textil, denn ähnlich wie ein gewebtes Stück Stoff besteht es aus unzähligen Verknüpfungen. Das kommt in dem Begriff "Löchertextil", finde ich, ganz wunderbar zum Ausdruck.
Alternativ könnte man das Internet aber auch als "nasin sona" bezeichnen, als Weg des Wissens. Nachteilig an diesem Begriff ist nur, dass natürlich auch die Wissenschaft als Weg des Wissens betrachtet werden kann - darf man das Internet mit demselben Ausdruck wie Wissenschaft beschreiben? Wobei "können" und "dürfen" in Toki Pona übrigens für gewöhnlich auch mit demselben Wort wiedergegeben werden.
So etwas kann auch erst mal unheimlich wirken, doch genau das ist die Stärke dieser Plansprache: Nämlich dass man über Dinge, die man im Deutschen immer ganz selbstverständlich hinnimmt, auf einmal ganz bewusst nachzudenken beginnt. Und dieses bewusste Nachdenken, diese bewusste Reflexion kann einem zu einer ganz neuen geistigen Flexibilität verhelfen.
Und diese geistige Flexibilität ist es, denke ich, was wir benötigen, um uns in die Welt eines bedingungslosen Grundeinkommens noch besser hineindenken zu können. Es kling verrückt, aber ich würde am liebsten jedem, der sich mit dem BGE beschäftigt, auch Toki Pona beibringen. Die Sprache ist innerhalb von vier bis fünf Stunden erlernbar. Und ein Zehntel des kompletten (Grund-) Wortschatzes kam übrigens schon hier in diesem Artikel vor.

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18. Oktober 2019 [Lebensart]
Vom Wert der Stille
Bei einem Urlaub in Südkorea war eines meiner eindrücklichsten Erlebnisse der Besuch eines buddhistischen Tempels. Das lag nicht daran, dass ich etwa Buddhist wäre oder mit dieser Religion besonders viel anzufangen wüsste. Nein, der Grund dafür war schlicht und einfach, dass es dort drinnen so still war. Und in einem Land, wo es sonst immer und überall Lärm gibt - vom dichten Straßenverkehr bis hin zu den zirpenden Zikaden im Sommer, die dabei eine Lautstärke entwickeln, wie man es sich hier in Europa gar nicht vorstellen kann - ist alleine schon etwas feierliche Stille inmitten einer riesigen Großstadt schon etwas unwahrscheinlich Wohltuendes. Ich glaube, eine solche Stille erlebt man tatsächlich nur in Ostasien.
Doch auch in Europa und speziell hier in Deutschland gibt es natürlich Stille, vielleicht fast schon so oft, dass manche darüber ihren Wert vergessen. In Kirchengebäuden gibt es diese Stille, in manchen Altstädten mit ihren engen Gassen, wo kaum ein Auto hindurchfährt und das Holz der Fassaden und Giebel jedes Geräusch zu schlucken scheint, in Vorstädten, wo man an regennassen Tagen unvermittelt den Kuckuck rufen hört, oder im Hochgebirge der Alpen, wo die gewaltigen Granithänge durch die ewige Stille im Abendlicht eine Erhabenheit ausstrahlen, die sich mit kaum etwas anderem vergleichen lässt.
Wann immer ich von einer solchen Stille umgeben bin, erlebe ich das fast wie eine spirituelle Befreiung. Ich fühle mich unvermittelt eins mit dem Weltganzen und habe das Gefühl, erst in so einem Augenblick überhaupt richtig zu leben.
Bin ich deswegen ein völlig ungewöhnlicher Mensch? Aber wenn das so ist, warum zieht es dann immer so viele Urlauber, die es sich leisten können, in die allerabgelegensten Teile der Welt, wo man doch seinen Sommer genauso gut auch auf Mallorca am Strand verbringen könnte, wo viel los ist und viele Menschen sind?
Nein, ich glaube, dass auch viele andere schon den Wert der Stille erkannt haben und sie zu schätzen wissen, ob nun bewusst oder unbewusst. Denn ein teures Restaurant ist fast immer auch ein ruhiges Restaurant, eine teure Wohnlage ist eine ruhige Wohnlage, und das Erste-Klasse-Abteil im Zug unterscheidet sich vom Rest des Zuges hauptsächlich dadurch, dass es dort besonderst ruhig ist. Stille ist in einer Welt, wo sich einen Großbildfernseher auch schon Hinz und Kunz leisten können und Mercedes- oder Rolls-Royce-Fahren als snobistisch gilt, zu einem der Hauptluxusgüter der Reichen geworden.
Umso mehr verwundert es mich oft, dass es da in Deutschland noch nie ein Aufbegehren gegeben hat, wo das Thema Reich und Arm doch sonst immer so sehr die Gemüter der Menschen beschäftigt. Stille scheint tatsächlich zu wenig sichtbar und damit auch zu wenig greifbar zu sein, als dass es sich für politische Agitation eignen würde.
Und jetzt im Herbst durchbrechen in den Städten regelmäßig Laubbläser mit ihrem Getöse die feierliche Stimmung des Herbstes. Wie sehne ich mich nach einer Welt ohne sie. Welch ein herrlicher Herbst wäre das. Wie wunderbar ist Stille!

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16. Oktober 2019 [modernes Leben]
Toki Pona
Lange Zeit galt Esperanto als die am einfachsten zu lernende (Plan-)Sprache der Welt, doch seit 2001 gibt es eine Sprache, die sogar noch einfacher ist: Toki Pona.
Diese Sprache wurde von einer Kanadierin entwickelt und umfasst insgesamt nur rund 120 Wörter. Zwei davon sind im Namen der Sprache enthalten, nämlich toki für Sprache und pona für gut. Alle Wörter bis auf Eigennamen werden auf Toki Pona klein geschrieben, und es werden nur vierzehn Buchstaben benutzt: a, e, i, o, u, p, t, k, l, m, n, j, s und w. Jede Silbe endet entweder mit einem Vokal (a, e, i, o, u) oder mit n.
Um zu verdeutlichen, wie diese Sprache funktioniert, hier einmal die Zahlen von eins bis zehn auf Toki Pona: wan, tu, tu wan, tu tu, luka, luka wan, luka tu, luka tu wan, luka tu tu, luka luka. Wie ihr seht, wurden hier zehn verschiedene Zahlen mit nur drei Wörtern wiedergegeben, dank geschickter Kombination dieser Wörter. Nur eins, zwei und fünf haben ein eigenes Zahlwort, wobei das Wort für "fünf" gleichzeitig auch "Hand" bedeutet.
Ich selbst bin auf diese Sprache vor knapp zwei Monaten aufmerksam geworden, eher zufällig über den englischsprachigen Youtube-Kanal Langfocus, und habe sie innerhalb weniger Wochen so gut lernen können, dass ich mich "fließend" in ihr verständigen kann. Nun hatte ich zwar zugegeben schon ein bisschen Erfahrung im Sprachenlernen, doch bin ich mir trotzdem ziemlich sicher, dass der Lernaufwand für diese Sprache auch für weniger Erfahrene deutlich geringer ist als für jede andere Fremdsprache, einschließlich Englisch.
Dies hat mich auf den Gedanken gebracht, dass man Toki Pona ja vielleicht auch mal versuchen könnte Grundschulkindern beizubringen, als spielerischen Einstieg ins Sprachenlernen. Außerdem ist es auch faszinierend darüber nachzudenken, ob Toki Pona nicht auch eines Tages mal so eine Art Weltsprache werden könnte. Denn Englisch spricht ja heute längst noch nicht die ganze Weltbevölkerung.
Reizvoll ist an Toki Pona auch, dass es nicht ganz so "eurozentrisch" ist wie Esperanto. Viele Wörter darin sind von außereuropäischen Sprachen übernommen worden, wie etwa Chinesisch oder Tok Pisin. Durch das einfache Lautsystem sind dennoch alle Wörter schnell und einfach zu erlernen.
In der Wikipedia findet ihr weitere Informationen über diese Sprache.

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14. Oktober 2019 [Spiritualität]
Christentum und BGE - wie das zusammenpasst
Aus meiner frühen Teenagerzeit, als die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens noch nicht allgemein bekannt war und sich in der Politik vor allem die CDU/CSU und die mehr oder weniger sozialistisch geprägten sonstigen Parteien gegenüberstanden, habe ich noch folgende zwei Grundsätze im Kopf: Sozialisten glauben an den perfekten Menschen, Christdemokraten (die ihre Werte von der christlichen Botschaft ableiten) glauben dagegen an den fehlbaren Menschen, auf den sich das System einstellen muss; oder anders ausgedrückt, der Mensch ist eben nicht immer nur edel und gut, und aus diesem Grund müssen Gesetze immer entsprechend formuliert sein, dass das staatliche System nicht sofort zusammenbricht, wenn Menschen auch einmal egoistisch handeln.
Und zweitens sei es von Gott gewollt, dass Christen Nächstenliebe zeigen, indem sie Gutes tun und den Armen gegenüber freigebig sind - doch das darf niemals vom Staat vorgegeben werden, denn aufrichtige Nächstenliebe setzt auch immer einen freien Willensentschluss voraus; und sobald dieser freie Willensentschluss fehlt, wird das System entartet und pervertiert. Was dann ja auch ganz konsequenterweise zum Untergang der kommunistischen Welt geführt hat.
Da ich nun ebenfalls an die göttliche Inspiration der Heiligen Schrift glaube, könnte man vor diesem Hintergrund durchaus die Frage stellen, warum ich dann eine Idee unterstützt, die vor sieht, dass heute, dreißig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, erneut Geld umverteilt werden soll, ohne dass man Einzelner dabei über das Ob und Wieviel zu befinden hat? Steht das nicht deutlich im Widerspruch zur Bibel, und ist das denn nicht eher humanistisch als christlich inspiriert?
Nun, ich fange mit dem einfacheren Teil der Frage an. Das bedingungslose Grundeinkommen ist tatsächlich vor allem humanistisch, das heißt, der Mensch steht dabei im Mittelpunkt. Wie und an welchen Gott man glauben soll, wird durch das BGE nicht vorgegeben, und dadurch leistet es auch einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben zwischen den verschiedenen Religionen, Ethnien und Kulturen.
Humanistisch bedeutet nun selbstverständlich aber auch nicht, dass der Mensch perfekt sein muss oder dass von einem vollkommen idealistischen Menschenbild ausgegangen wird. Sehr ähnlich wie Christdemokraten gehe ich auch als BGE-Befürworter davon aus, dass das System immer so gestaltet sein sollte, dass einzelne Menschen darin auch faul sein können, ohne dass dadurch gleich alles zusammenbricht. Sichergestellt ist das in einer Grundeinkommenswelt unter anderem dadurch, dass Erwerbstätige grundsätzlich mehr Geld in der Tasche haben werden als Nichterwerbstätige (weil zusätzliches Einkommen nicht mit dem BGE verrechnet wird), und zudem auch dadurch, dass es erstmals in der Geschichte einen "echten Arbeitsmarkt" geben wird: das bedeutet, dass niemand mehr bloß aus Mitleid in einem Unternehmen geduldet werden wird. Kein Erwerbstätiger wird es sich mehr gefallen lassen müssen, dass faule Kollegen, die eigentlich keine Leistung erbringen sondern nur ihre Zeit absitzen wollen, ihnen im Weg stehen/sitzen. In dieser Hinsicht ist das System hart, aber fair; und das dürfte vermutlich wohl auch zu einem ganz neuen Leistungsethos führen. Wer diesem Leistungsethos nicht gewachsen ist, der kann sich auch jederzeit ausklinken und dennoch ein menschenwürdiges Leben führen; auf diese Weise wird menschliche Fehlbarkeit eine Lebenstatsache sein, mit der das System zurechtkommt und die auf es niemals destabilisierend einwirken wird.
Was ist nun aber mit dem freien Willen des Menschen in Hinblick auf gute Taten gegenüber dem Mitmenschen? Das bedingungslose Grundeinkommen beruht ebenfalls auf einem freien Willensentschluss, allerdings auf einem kollektiven. Es wird eingeführt werden, sobald eine Mehrheit in der Bevölkerung es haben will. Raum für das souveräne Handeln des Einzelnen ist dennoch gegeben.
Denn der entscheidende Punkt ist: Liebe zeige ich nicht dadurch, dass ich Bedürfnisse erkenne und darauf reagiere, deren Existenz ohnehin schon allgemein bekannt und anerkannt ist. Eine solche Reaktion, ein solches Löschen von Bränden, wenn sie ausgebrochen sind, ist keine Liebe, sondern eine zwangsweise von der Umgebung aufoktroyierte Handlung, denn: Wer würde in unserer heutigen Gesellschaft schon einen armen Menschen verhungern lassen, oder einen Obdachlosen im Winter erfrieren? Selbst der hartherzigste Egoist würde das nicht tun, da ein solches Verhalten gesellschaftlich nicht akzeptiert und mit sozialer Ächtung geahndet würde. Mit Christentum hat so etwas rein gar nichts tun, es sei denn man bezieht überlieferte Denk- und Verhaltensmuster, die historisch im Christentum wurzeln, in diese Berechnung mit ein (in Kulturen ohne eine solche Tradition, etwa dem kommunistischen Nordkorea, gelten nämlich mitunter andere Regeln).
In einer Grundeinkommensgesellschaft wäre es nun so, dass gesellschaftlicher Konsens in Hinblick darauf, wie sich Menschen untereinander zu verhalten haben, im Grundeinkommen ihren Ausdruck finden würden. Wer immer einer Arbeit gegen Entgelt, also einer Erwerbsarbeit nachgeht, der trägt durch diese Arbeit dazu bei, dass die Gesellschaft so funktioniert, wie sie nach allgemeinem Konsens auch zu funktionieren hat: dass niemand verhungert, dass die Sicherheit gewährleistet ist, dass Menschen ein Dach über dem Kopf haben und eine dem aktuellen Stand der medizinischen Forschung entsprechende gesundheitliche Versorgung genießen. Das alles sind übrigens Annehmlichkeiten, die wir in letzter Konsequenz den Leistungen unserer Vorväter (und -mütter) zu verdanken haben und für die wir heute Lebenden nichts weiter als Verwalter eines Vermächtnisses sind.
Das Paradies auf Erden erreicht wäre damit jedoch (selbstverständlich) noch nicht, denn die Probleme "hienieden" sind so vielfältig wie es Menschen auf dieser Welt gibt. Und genau das würde ich unter Nächstenliebe verstehen, dass man diese vielfältigen Probleme, die dann womöglich noch deutlicher zu Tage treten, erkennt und zu ihrer Lösung beiträgt.
Eine solche Nächstenliebe kann christlich motiviert sein oder auf andere Weise; in einer BGE-Gesellschaft wäre auf jeden Fall der Raum vorhanden, sie zu zeigen und zu leben.

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12. Oktober 2019 [Gesellschaft]
Feminismus: differenziert betrachtet
Beschäftigt man sich mit der Geschichte der westlichen Welt im zwanzigsten Jahrhundert, dann ist eine der bedeutsamsten gesellschaftlichen Strömungen in dieser Zeit zweifellos die Frauenbewegung. Durften Frauen zu Kaiser Wilhelms Zeit noch nicht einmal wählen, und in den fünfziger Jahren kein Bankkonto ohne Erlaubnis des Ehemanns eröffnen, so haben sie heute, im Jahr 2019, dieselben Rechte vor dem Gesetz, und zwar, soweit mir bekannt, ohne jegliche Ausnahme. Oder genauer gesagt: Eine ganz subtile Ausnahme gibt es doch, darauf werde ich gleich noch näher eingehen. Insgesamt kann man aber sagen, dass sich für Frauen in den letzten hundert Jahren ganz ohne Zweifel viel geändert hat, und schon von daher wäre zu erwarten, dass sich auch der Charakter der feministischen Bewegung im Verlauf dieser Zeit geändert haben muss. Ob das wohl so ist, darüber möchte ich mir hier ein paar Gedanken machen.
Was mir auffällt, wenn ich so in die Welt blicke: Wirklich kontroverse Debatten zwischen Feminist*innen und Gegner*innen des Feminismus sieht man in der Öffentlichkeit heute nur noch selten, genauer gesagt fast nie. Wenn überhaupt, dann findet man sie eher im Privaten, an Stammtischen oder auf Schulhöfen. Vor Fernsehkameras würde sich heutzutage kaum noch jemand selbst als Antifeminist bezeichnen, denn wer gegen den Feminismus ist, der wäre ja dann zugleich auch gegen die Frauen, oder etwa nicht? Oder zumindest gegen den Fortschritt, und beides will natürlich niemand auf der Welt sein, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit.
Ich meine aber, dass es erlaubt sein muss, jedes Wort, das mit -ismus endet, auch zu kritisieren. Denn schon eine solche Wortendung (vergleiche zum Beispiel: Kapitalismus, Kommunismus, Idealismus, Pragmatismus, Prohibitionismus...) weist doch eigentlich immer darauf hin, dass es sich um ein festgefügtes Mindset handelt, dessen zugrundeliegende Annahmen über das hinaus gehen, was schon allgemeiner gesellschaftlicher Konsens ist.
Kämpft eine Frau dagegen für etwas, von dem wir uns ohnehin schon alle einig sind, dass es Frauen zusteht, dann scheint mir Feministin dafür nicht mehr der richtige Begriff zu sein, sondern ich würde sie dann zum Beispiel als Frauenrechtlerin bezeichnen. Wobei sich der gesellschaftliche Konsens natürlich im Laufe der Jahre auch ändern kann, sodass eine Frau, die von Zeitgenossen noch als Feministin betitelt wurde, im historischen Rückblick dann doch als Frauenrechtlerin gelten kann.
Zum Begriff der Frauenrechtlerin vielleicht noch ein kleiner Gedankenexkurs: Traditionell waren das ja immer Leute waren, die sich dafür eingesetzt haben, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben. Inzwischen ist dieses Ziel aber doch schon erreicht; kann es dann heute überhaupt noch Frauenrechtler*innen geben? Intuitiv hätte ich gesagt "nein". Doch eine Bekannte von mir, sie heißt Elfriede Harth, setzt sich öffentlich für die Streichung des Abtreibungsverbotes aus dem deutschen Strafgesetzbuch ein. Und da dieses Verbot natürlich erst mal primär Frauen betrifft (Männer können nicht schwanger werden), könnte man sie wohl tatsächlich als Frauenrechtlerin in diesem ursprünglichsten Sinne des Wortes bezeichnen.
Sieht man jedoch von solchen Fällen mal ab, dann kann man, denke ich, durchaus konstatieren, dass sich der Charakter der feministischen Bewegung im Laufe der letzten Jahrzehnte geändert hat. Denn im Kontrast zu früher geht es heute nicht mehr hauptsächlich darum, dass Männer und Frauen gleiche Rechte bekommen sollen (die haben sie schon), sondern eher um wirtschaftliche Fragen, wie etwa um Quoten in Unternehmensvorständen, oder dass Frauen und Mädchen vom Staat in besonderer Weise gefördert werden sollen. Und folglich also auch darum, wie sehr der Staat eigentlich ins Leben der Menschen eingreifen soll. Oder anders formuliert: wieviele Aspekte unseres Lebens wir heute über Gesetze regeln wollen, was früher eher auf zwischenmenschlicher Ebene entschieden wurde.
Da es nun also diese neue Komponente in der Debatte gibt, wäre eigentlich kraftvolles Pro- und Kontraargumentieren hier sehr angebracht, damit aus These und Antithese irgendwann eine Synthese entsteht. Nur, eine solche kraftvolle Kontroverse erlebe ich heutzutage irgendwie sehr selten. Womöglich deswegen, weil sich niemand irgendwann auf der "falschen Seite" der Geschichte wiederfinden will?
Denn wer heute gegen Frauenquoten argumentiert, der gehört doch offensichtlich zur selben Kategorie von Menschen, die zu Kaiser Wilhelms Zeit gegen das Frauenwahlrecht und in den fünfziger Jahren gegen noch weitergehende Gleichberechtigung protestiert hätte. Oder etwa nicht? Immer mit dem gleichen Argument, dass das, was Feministinnen bisher schon erreicht hatten, ja so gerade noch in Ordnung sei - aber das, was jetzt gerade politisch geplant sei, das ginge doch nun wirklich zu weit.
Doch was, wenn es auch eine Methode gäbe, wie man objektiv und allgemeingültig entscheiden könnte, was "guter" Feminismus ist und was nicht? Ich glaube, tatsächlich eine solche gefunden zu haben:
Der Trick, sich einfach nur mal zu überlegen, ob hinter einer feministischen Forderung jeweils ein allgemeines Prinzip steht, das man auch ganz ohne die Wörter "Frau" und "Geschlecht" formulieren könnte, oder ob es ein solches Prinzip nicht gibt.
Beispiel Frauenwahlrecht: Hier haben die Sufragetten dafür gekämpft, dass Frauen wählen durften. Oder anders formuliert: dass *alle* Staatsbürger (nach Erreichen der Volljährigkeit) wählen durften. Es wurde also ein allgemeines Prinzip etabliert.
Beispiel Eröffnen des eigenen Kontos: Dito!
Beispiel Streichung des Strafbestands der Abtreibung aus dem Strafgesetzbuch: Hier muss man ein bisschen mehr um die Ecke denken. Dass alle Menschen abtreiben können dürfen sollen und das auch schon ein allgemeines Prinzip sei, wäre nämlich gemogelt, denn mit "alle Menschen" ist hier nun mal nichts anderes als "alle Frauen" gemeint. Trotzdem gibt es auch hier eine Möglichkeit, das universal zu formulieren: Jeder Mensch soll über seinen eigenen Körper selbst bestimmen dürfen. Und ein ungeborenes Baby könnte man, solange es selbst noch nicht lebensfähig ist, vernünftigerweise als Teil des Körpers seiner Mutter betrachten.
Über dieses letztere Beispiel könnte man bestimmt auch noch eine Weile diskutieren, aber es zeigt immerhin, dass diese Grundregel, guten und nicht so guten Feminismus voneinander zu unterscheiden, greift und mit Inhalt gefüllt werden kann.
Wie sieht das nun aber beim Thema Frauenquote aus? Eine solche Quote ist definiert als eine Quote, die vorsieht, dass ein bestimmter Anteil der Menschen in einem Beruf oder in einer Führungsetage Frauen sein sollen. Wie sollte man das ganz ohne Bezugnahme aufs Geschlecht formulieren? Mit "alle sollen dieselben Chancen haben" ist das Prinzip einer Quote noch nicht umrissen; sondern erst, wenn man sich beim Messen dieser Chancengleichheit aufs Geschlecht und eine Prozentzahl festlegt.
Hier manifestiert sich also eine andere Art des Denkens und Urteilens als in den obigen Beispielen: Während es oben nur vordergründig um Frau und Mann, in Wahrheit jedoch um allgemeine Prinzipien ging, geht es diesmal tatsächlich nur ums Geschlecht. Die Feministinnen sind in diesem Fall, anders als oben, vielleicht eher eine Interessens-, quasi eine Lobbygruppe. Und Lobbygruppen darf es in einer Demokratie zwar natürlich geben, sie sollten sich aber als solche zu erkennen geben und auch kritisiert werden dürfen. Solange das allerdings häufig nicht der Fall zu sein scheint, gefällt mir persönlich diese Art von Feminismus nicht.
Ich hoffe, dass dieser Blogeintrag seiner Überschrift so einigermaßen gerecht wurde und ich hier niemandem, wie es bei einem solchen Thema ja schnell mal passieren kann, auf die Füße gestiegen bin.

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11. Oktober 2019 [modernes Leben]
Mehr zum Hardware-Software-Gap
Letzte Woche hatte ich das Phänomen des qualitativen Hardware-Software-Gap beschrieben. Beispiele dafür könnte ich so viele aufzählen, dass es beinahe schon einen eigenen Blog füllen würde. Hier nur acht ziemlich offensichtliche, über die ich mich auf meinem Tablet (der Marke Samsung, also kein sehr exotisches) Tag für Tag ärgere:
- Die Suchmaschine Google war früher immer genial einfach. Doch jetzt haben sich die Entwickler offenbar dazu entschieden, eine zwar kleine, aber doch ziemlich lästige Änderung daran vorzunehmen: Jedes Mal, wenn man im Suchfeld etwas eingeben will, schließt es sich und es erscheint links oben im Browserfenster ein neues Suchfeld, auf das man noch einmal drauftippen muss. Erst dann kann ich mein Suchwort eingeben. Warum, das weiß der Geier.
- Im Google Play Store lassen sich Apps nicht nach Bewertung ordnen. Das macht es einem fast unmöglich, einen Überblick darüber zu bekommen, was für qualitativ gute Apps es dort gibt. Ich würde mir vermutlich viel öfter neue Apps herunterladen, durchaus auch bezahlpflichtige, wenn nur dieses Problem nicht bestehen würde.
- Die Wikipedia schießt wirklich den Vogel ab. Dort habe ich schon seit mehreren Jahren das Problem, dass geographische Orte auf Mini-Landkarten nicht korrekt angezeigt werden. Atlanta, die Hauptstadt von Georgia, wird auf dem nebenstehenden Kartenschnipsel zum Beispiel so angezeigt, als würde sie wie Venedig über dem Meer liegen. Das kann extrem irritierend sein, weil man solche Fehler vielleicht nicht immer sofort bemerkt und dann womöglich eine falsche Vorstellung von der Lage eines Ortes bekommt. Für die Wikipedia-App wurden zwischenzeitlich schon mehrmals ein Update herausgegeben, aber nie wurde dieser Fehler hier korrigiert. Dabei tritt er keineswegs nur auf dem Tablet auf, sondern auch auf dem Smartphone. Kaum vorstellbar, dass ich der einzige bin mit diesem Problem.
- Für Tablets wurden bereits verschiedene legendäre Computerspielklassiker umgesetzt, wie beispielsweise Max Payne oder Z, und das zum Teil auch sehr gut. Speziell das Echtzeitstrategiespiel Z zeigt, dass Computerspiele auf dem Tablet ähnlich viel Spaß machen können wie im Original... Umso mehr fragt man sich dann aber, warum andere, noch deutlich bekanntere Spieleklasser wie etwa Command'n'Conquer, Industriegigant oder Warcraft 2 dann nicht umgesetzt wurden. Wenn der Originalentwickler dazu keine Lust hat, könnte er das Spiel ja auch an jemand anderen verkaufen, der das dann für ihn umsetzt. Das wird nur aus irgendwelchen Gründen nicht gemacht, und ich frage mich aus was für welchen. Das Spiel Z ist übrigens in der Umsetzung fast perfekt, nur eine einzige Level ist vollkommen bugverseucht - und seit über zwei Jahren ist nie ein Update dafür erschienen. Und das, obwohl das Veröffentlichen von nachträglichen Updates doch noch nie so einfach war wie heute.
- Bei vielen anderen Apps, und insbesondere beim Betriebssystem Android selbst, ist man einfach nur noch genervt von den vielen Updates. Besonders lästig dabei ist, dass einem oft gar nicht genau erklärt wird, wozu das aktuelle Update denn gut ist. Nur vage Hinweise sind mir zu wenig; und so hab ich oft gar keine Lust mehr, die neuesten Updates, die oft auch viel Speicher belegen, jedes Mal zu installieren. Und überhaupt: Warum erscheinen eigentlich fast nie Updates, nach deren Installation die App weniger Speicher belegt als vorher? Ist "mehr" in der Vorstellungswelt der Entwickler immer "besser"? Zu gerne würde ich mal ein Interview in einer Zeitung oder Zeitschrift lesen, in dem ein App-Programmierer seine Philosophie dahiner erklärt; falls er denn eine solche hat.
- OpenStreetMap ist ein wunderbares Open-Source-Projekt für Landkarten, welches dem kommerziellen Google Maps in nichts nachsteht. Nur: Warum gibt es für OpenStreetMap eigentlich keine App? Oder jedenfalls konnte ich im Google Play Store bisher keine entdecken, außer für Spezialanwendungen wie Wanderkarten. Dabei ist gerade bei Landkarten das Betrachten über eine App eigentlich viel praktischer als über das Browserfenster. Bin ich etwa der einzige Mensch auf der Welt, der Bedarf nach praktischen Landkarten und Stadtplänen hat (und dabei nicht ständig nur auf Google angewiesen sein will)?
- Fotos kann man auf Smartphones von Apple wunderbar mit dem Finger verschieben, sodass man die Reihenfolge, in der sie angezeigt werden, sich immer selbst aussuchen kann. Auf Android-Smartphones funktioniert das nicht; und das schon seit vielen, vielen Jahren. Warum nicht? Hat es etwas mit Patenten zu tun? Das würde mich wirklich sehr interessieren.
- Auf YouTube ist es seit einiger Zeit möglich, auch kommerzielle Filme wie etwa die von Disney zu erwerben. Nur: Es gibt sie dort, wenn man das von einem einheimischen Tablet aus tut, nur in deutscher Sprache. Dabei macht das doch gerade die Faszination des digitalen Zeitalters aus, dass es technisch gar kein Problem mehr ist, jeden Film auch in mehreren unterschiedlichen Sprachversionen anzubieten. Zumindest die Auswahlmöglichkeit, ein Video in der Originalversion abspielen zu können, sollte doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.
- Und schließlich beobachte ich auch immer wieder das Phänomen, dass Hersteller wie Nintendo moderne Versionen ihrer alten Spielkonsolen auf den Markt bringen und darauf dann oft mehrere Dutzend Originalspeicher von Werk aus drauf gespeichert sind - aber niemals sämtliche Spiele, die es ursprünglich mal dafür gab. Aber warum eigentlich nicht? Technisch gesehen dürfte das nämlich gar kein Problem sein, da moderne über den zigtausendfachen Festplattenpeicher verfügen wie die vor dreißig Jahren, selbst wenn man sie sehr, sehr kostengünstig produziert. Offenbar genügt es den Herstellern schon, wenn sie auf die Packung schreiben können "zwanzig unterschiedliche Originalspiele auf einem Gerät". Dass das nicht alle Spiele sind, obwohl es auch alle sein könnten, scheint offenbar niemanden zu stören. Es scheint wohl nur darum zu gehen, ein tolles Gerät auf den Markt gebracht zu haben; die Software darauf hat in den Augen der Elektronikhersteller wohl keinen Wert in sich selbst. Das ist es, was ich mit "qualitativer Hardware-Software-Gap" meine.
Ich hoffe sehr, dass da eines Tages mal ein Umdenken stattfindet. Softwareprodukte sind Kulturgüter, und es sollte ihnen auch entsprechende Wertschätzung entgegengebracht werden. Ein Computerspiel oder -programm, das nicht immer wieder neu bestmöglich für aktuelle Geräte adaptiert wird, kommt mir vor wie ein Gemälde, welches im Keller eines Museums verstaubt.

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10. Oktober 2019 [Ärger des Monats]
Ein besonders dreister Werbeanruf
Gestern werde ich von mobilcom-debitel, meinem Internetprovider anrufen. Ich solle nur über etwas informiert werden, sagt der freundliche Herr am anderen Ende der Leitung.
Und zwar würde jetzt das Internet bei meinem Smartphone auf ein neues System umgestellt, sodass alles noch steller geht und ich noch weniger Funklöcher habe. An meinem Vertrag und an meinem Tarif ändere sich dadurch nichts. Ok, alles klar, sage ich.
Er würde mir dann noch eine Bestätigungs-E-Mail schicken sowie eine E-Mail mit einem Angebot für eine Option, dass ich für zehn Euro zusätzlich im Monat bei freenet Videos angucken kann. Ich müsse nur auf den dort angegebenen Link klicken, schon könne ich dieses sagenhaft tolle Angebot nutzen. Na, meinetwegen, sagte ich. Und an meinem Vertrag ändere sich jetzt wirklich nichts? "Nein, wirklich nicht! Ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Gespräch und wünschen Ihnen noch einen angenehmen Tag."
Heute bekomme ich von mobilcom-debitel eine E-Mail, in der steht: "Wir freuen uns, dass Sie sich für freenet Video entschieden haben". Und im Kundenportal unter "meine Verträge" ist dieser Vertrag jetzt aufgelistet.
Daraufhin habe ich heute morgen noch mal versucht, beim Kundenservice anzurufen, um das zu klären, aber nach über 15 Minuten in der Warteschleife habe ich es wieder aufgegeben und stattdessen eine E-Mail an dieses Unternehmen geschickt, dass sie das mal ganz schnell wieder aus der Vertragliste herausstreichen sollen.
Juristisch betrachtet ist das, was mobilcom-debitel da macht, ohnehin unhaltbar. Aber was nützt es?

Michael Bohmeyer von Mein-Grundeinkommen hat übrigens einmal gesagt: "Niemand von denen, die bei uns ein Grundeinkommen gewonnen haben, hat seinen Job gekündigt - bis auf einen, und der hat in einem Callcenter gearbeitet."

Nachtrag: Heute habe ich von mobilcom-debitel eine E-Mail erhalten, die mit den liebenswürdigen Worten begann "heute ist es soweit: Ihre erste Rechnung von mobilcom-debitel ist da". Was damit gemeint war, erfuhr ich, nachdem ich auf den Link geklickt und meine E-Mail-Adresse und das Kennwort eingegeben hatte: Das war die erste Rechnung, die acht Euro höher ausfiel als alle meine bisherigen Rechnungen.
Also schnell mal den Kundenservice angerufen. "Wenn Sie eine Frage dazu haben, warum Ihre Rechnung höher als sonst ist, drücken Sie bitte die Eins. Wenn Sie ein anderes Anliegen haben, drücken Sie bitte die Zwei." Das meine ich nicht als Witz, sondern so ging die Ansage wirklich.
Der freundliche Mann am anderen Ende der Leitung erklärte mir, dass ich jetzt die Option G4 in meinem Vertrag hatte und das deswegen teurer sei als vorher. Ich sagte, dass ich das nicht bestellt hatte. Er fragte mich, ob ich in letzter Zeit vielleicht einen Werbeanruf bekommen hatte, und ich sagte, ja, in der Tat, aber ich hatte da nichts bestellt. Der Angestellte schien da wohl schon Bescheid zu wissen und nahm die Option wieder aus meinem Vertrag heraus. Jetzt habe ich auf meinem Smartphone wieder langsameres Internet.

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8. Oktober 2019 [Spiritualität]
Der Glaube und die Wissenschaft
Wer sich heutzutage Publikationen der evangelischen Kirche(n) ansieht, der wird feststellen, dass es dort fast immer um allgemeine Werte geht, etwa um Frieden, Harmonie und innere Ausgeglichenheit, jedoch kaum noch um konkrete Glaubensinhalte. Dies ist auf den ersten Blick auch nicht schwer zu erklären, hat doch die Wissenschaft doch schon vor 150 Jahren, als Charles Darwin seine Evolutionstheorie veröffentlichte, die Kernaussagen der Heiligen Schrift widerlegt. Somit bleibt den Kirchen also in diesem aufgeklärten Zeitalter nur noch, sich auf möglichst allgemeine Aussagen zurückzuziehen, an denen auch heute niemand zweifelt.
Ich selbst bin auch Christ und verstehe Christsein so, dass man an Jesus Christus an Sohn Gottes glaubt, der Menschen von ihren Sünden befreit hat. Ist das in unserer heutigen Zeit überhaupt noch möglich? Widerspricht es nicht der intellektuellen Redlichkeit, an übernatürliche Dinge zu glauben, wenn die Wissenschaft schon sehr klar zu anderen Erkenntnissen gekommen ist? Stellt man sich als gläubiger Christ womöglich gar gegen die Wissenschaft, so wie es manche Kirchen ja auch tatsächlich tun? Manchen Christen wird ja auch nachgesagt, dass sie ihren Kindern sogar Privatunterricht statt sie an öffentliche Schulen zu schicken, nur damit sie möglichst spät oder am besten gar nicht mit der Evolutionstheorie in Berührung kommen. Und da sind, finde ich, klärende Worte dringend notwendig.
Hierzu muss man sich, denke ich, schlicht und einfach mal klar machen, was Glaube überhaupt ist, und was Wissenschaft ist: Glaube ist für mich eine Entscheidung. Man kann sich innerlich dafür oder dagegen entscheiden, an etwas zu glauben. Man kann sich somit auch für oder gegen Jesus Christus entscheiden, und das Schöne daran: Sowohl eine Entscheidung in die eine als auch in die andere Richtung kann einem von niemandem verboten werden. Selbst in sehr totalitär regierten Ländern kann einem nur der äußere Ausdruck, nicht jedoch der innere Glaube an etwas untersagt werden. Somit ist die Frage, ob Glaube heute noch möglich ist, eigentlich sehr schnell beantwortet. Das ist aber natürlich nur das eine.
Die andere Frage ist, ob dies denn nicht angesichts moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse der intellektuellen Redlichkeit widerspricht. Hierzu muss man sich darüber klar werden, was Wissenschaft ist: Wissenschaft ist ein Stück von unserer Lebenswirklichkeit. Und Realitäten des Lebens abzustreiten oder zu ignorieren ist unredlich, ist ein Zeichen mangelnder Bildung.
Als gebildeter Christ muss ich somit auch anerkennen, was die moderne Wissenschaft sehr klar sagt: Dass alle naturwissenschaftliche Evidenz darauf hindeutet, dass der Mensch vom Affen (nicht von Adam und Eva) abstammt, und dass auch viele Aussagen des Alten Testaments, wie etwa die Sintflut oder die Existenz eines jüdischen Stammvaters namens Abraham durch archäologische Forschungen nicht bewiesen werden konnten. Auch für das Leben Jesu Christi finden sich außerhalb der Heiligen Schrift kaum Belege, die nicht mindestens erst hundert Jahre nach seinem Tod zu Papier gebracht wurden.
Ist Glaube aus diesem Grund irrational? Nein, denn Naturwissenschaft und damit auch die moderne Archäologie bilden nur einen Teil der Wirklichkeit um uns herum ab. Wer daran zweifelt, der lebt noch in der Gedankenwelt des Materialismus bzw. Naturalismus, zwei philosophischer Strömungen, die das Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts maßgeblich prägten. Heute ist die Philosophie schon weiter, und das ist bei vielen Menschen in Deutschland und anderen Teilen Europas nur noch nicht angekommen, was oft die Kommunikation zwischen Christen und Andersgläubigen schwierig macht.
Um dennoch gute Gespräche in diesem Bereich führen zu können, ist, denke ich, vor allem eines ganz unerlässlich: Ehrlichkeit. Niemand sollte von sich in Anspruch nehmen, dass er alles weiß. Weder ein Christ noch ein Agnostiker oder ein Atheist kann alles über die Welt wissen, und das Weltbild jedes Menschen enthält daher zwangsläufig auch Widersprüche. Das gilt übrigens auch für die Naturwissenschaften (man denke zum Beispiel an den Wellen-Teilchen-Dualismus des Lichts).
Aus diesem Grund gebe ich gerne zu, dass die Evolutionstheorie und das biblische Buch Genesis einander widersprechen, und ich habe keine Auflösung dafür anzubieten. Dennoch glaube ich an die Bibel und ziehe daraus Konsequenzen für mein eigenes Leben. Auch der "Idealismus", mit dem ich mich für das bedingungslose Grundeinkommen engagiere, liegt darin begründet.

Eine weitere interessante Frage ist übrigens noch, wie sich Staat und Kirche zueinander verhalten sollten. Kurz gesagt, ich halte eine strenge Trennung zwischen den beiden für den einzigen vernünftigen und in unser Jahrhundert passenden Weg. Warum ich das glaube, darauf werde ich in einem späteren Eintrag noch einmal etwas genauer eingehen.

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7. Oktober 2019 [Utopien für die Zukunft]
Humanwirtschaft: was daran falsch sein kann
Wer sich einige Zeit für das bedingungslose Grundeinkommen engagiert, der stößt früher oder später auch auf verschiedene Gruppen, die für ein "humaneres Wirtschaften" eintreten. Der Vorschlag einer Gemeinwohl-Ökonomie von Christian Felber geht beispielsweise in diese Richtung, und auch auf Facebook gibt es eine Gruppe, die sich für eine "Humanwirtschaft" anstelle von Kapitalismus oder Kommunismus ausspricht. Der Tenor solcher Überlegungen ist in der Regel, dass es allen Menschen besser gehen würde, wenn nur die Entscheidungsträger in der Wirtschaft endlich einmal mehr Verantwortung übernehmen würden. Wenn Unternehmen zum Beispiel mehr die Umwelt im Blick haben, anständigere Löhne zahlen, weniger Leute entlassen, für bessere Arbeitsbedingungen sorgen, mehr Teilzeitarbeit und so weiter. Klingt doch alles erst mal sehr gut. Was kann daran falsch sein? Und ist das nicht auch genau das, was mit einem bedingungslosen Grundeinkommen erreicht werden soll?
Völlig unbestritten ist, dass der humanistische Gedanke - der Mensch steht im Mittelpunkt - ein Kernelement des BGEs darstellt. Doch wer von Humanwirtschaft spricht, der tut leider mehr, als nur den Menschen ins Zentrum zu stellen: Er richtet den Scheinwerfer zugleich auch auf einen ganz bestimmten Einzelaspekt des menschlichen Zusammenlebens, nämlich die Wirtschaft. Das geht dann zum Teil so weit, dass ich sogar schon die Behauptung gehört habe, die Knappheit, mit der Arbeitslose immer wieder konfrontiert wären, sei eine Verschwörung der Wirtschaft: Wenn Hartz-IV-Empfänger sich kein frisches Obst leisten können oder keine schimmelfreie Wohnung, dann sei das darauf zurückzuführen, dass die Wirtschaft zwar mehr produzieren könnte, es aber bewusst nicht tut, um durch diesen künstlich herbeigeführten Mangel die Menschen gefügig und erpressbar zu halten.
Der Denkfehler dabei ist folgender: Die Höhe des Arbeitslosengeldes wird in Deutschland gerade nicht von der Wirtschaft bestimmt, sondern von der Politik. Selbstverständlich versucht erstere auf letztere auch Einfluss zu nehmen, etwa durch Lobbyverbände. Doch welche Partei wir dann wählen, bleibt immer noch uns selbst überlassen. Und wenn etwa bei der letzten Bundestagswahl 23,8% überhaupt keine Partei und 0,2% das Bündnis Grundeinkommen gewählt haben, dann scheint mir die Behauptung, das alles wäre nur eine dunkle Intrige der Wirtschaft, doch etwas arg weit hergeholt.
Nun sind natürlich nicht alle, die für Humanwirtschaft sind, Verschwörungstheoriker. Viele wollen einfach nur, dass es in der Ökonomie ein bisschen menschlicher zugeht als bisher. Und dagegen ist doch nun wirklich nichts zu sagen?
Leider doch. Denn bevor man sich Menschlichkeit (Humanität) auf die Fahnen schreibt, muss man sich zuallererst einmal überlegen, was dieser Begriff überhaupt ganz genau bedeutet. Was ist eigentlich menschlich?
Menschlich ist, dass wir geschützte Räume brauchen, in denen wir uns entwickeln und zu uns selbst finden können, und wo wir angenommen sind mitsamt unseren persönlichen Fehlern und Schwächen. Menschlich ist aber auch, dass wir uns mit anderen messen wollen und Rekorde aufstellen und austesten wollen, wo wir auf dieser Welt stehen, wenn wir mal ohne Polster und Auffangnetz nichts anderem als der harten, nüchternen Realität gegenübergestellt sind. Auch das steckt tief in uns drin und macht uns als Menschen aus. Reinhold Messner ist auf den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt, gestiegen, um dieses Gefühl zu erleben. Und so ähnlich braucht, denke ich, jeder von uns irgendwann mal seinen persönlichen "Mount Everest", um wirklich ganz Mensch zu sein.
Die freie Wirtschaft ist ein Bereich in unserer westlichen Gesellschaft, wo man so etwas erleben kann. Denn wer ein Produkt oder eine Dienstleistung kommerziell anbietet, der ist damit in der Regel nur dann erfolgreich, wenn dieses Produkt oder diese Dienstleistung auch wirklich gut ist. Nur "ich habe mich sehr bemüht" zählt als Verkaufsargument noch nichts, und genau deswegen gleicht eine solche Markteinführung, denke ich, auch immer ein wenig der Besteigung eines Mount Everests, und löst im Erfolgsfall auch ähnliche Glücksgefühle, eine ähnliche innere Befriedigung aus. Das scheint mir der Grund zu sein, warum viele auch lieber als Selbstständige das Risiko grandiosen Scheiterns in Kauf nehmen, als als Angestellte nur immer wieder einen tristen Acht-Stunden-Tag absitzen zu müssen.
Wenn wir nun in die Wirtschaft einzugreifen versuchen mit dem Argument "es muss mehr Menschlichkeit her", dann müssen aufpassen, dass wir mit dieser löblichen Absicht nicht am Ende das genaue Gegenteil davon erreichen: Denn was gibt es unmenschlicheres, als Bergleute, die früher mal für das Wirtschaftswunder gearbeitet und darin Lebenssinn gefunden haben, jetzt nur noch deswegen in die Kohlegruben zu schicken, weil es staatlich subventioniert ist?
Um zu verstehen, in welcher Beziehung die Wirtschaft und die übrige Welt stehen, stellen wir uns mal ein großes Kreuzfahrtschiff vor: Der Maschinenraum dieses Ozeandampfers wäre die Wirtschaft... Nun könnte jemand auf die Idee kommen, im Sinne eines humaneren Wirtschaftens einige Liegestühle in den Maschinenraum zu stellen. Denn natürlich ist der Maschinenraum nicht der freundlichste Ort dieses Dampfers, und ein bisschen mehr Komfort und Menschlichkeit würde sich da doch gut hinpassen, oder nicht? Nein, denn in der Praxis würden die Liegestühle denen, die dort arbeiten wollen, nur im Wege stehen! Ausruhen kann man sich auf einem Kreuzfahrtschiff an Deck, und dort passen die Liegestühle auch gut hin. Und zwar genau deswegen, weil dort nicht wie im Maschinenraum gearbeitet wird.
Wer nun Mitleid mit den Arbeitern im Maschinenraum hat, weil die so schwer schwitzen und schuften, der sollte sich nicht auch noch über sie lustig machen, indem er ihnen Liegestühle zwischen die Beine stellt, sondern ihnen lieber die Möglichkeit geben, dass sie eben nicht den ganzen Tag lang dort arbeiten müssen, sondern auch mal aufs Deck kommen dürfen und sich dort ausruhen.
Ganz analog sollte auch in einem politischen Gemeinwesen (wie Deutschland eines ist) jeder Mensch die Möglichkeit haben, nicht nur Erwerbsarbeit zu leisten, sondern auch in anderen Bereichen des Lebens Sinn und Erfüllung zu finden. Wenn sich aber jemand entscheidet, doch Erwerbsarbeit zu leisten, weil er genau das braucht - weil er oder sie genau darin seinen/ihren Mount Everest findet - dann sollte niemand dazwischengrätschen und ihm die Freude an der Arbeit durch bürokratische Auflagen zu nehmen versuchen. Schon gar nicht unter einem scheinheiligen Fähnchen der selbst definierten Menschlichkeit.
Manch ein Anhänger der Humanwirtschaft wird sich vielleicht jetzt missverstanden fühlen. Ihm oder ihr ging es wirklich nur darum, die Arbeitsbedingungen, den Umweltschutz und so weiter ein wenig zu verbessern, ganz ohne irgendwelche weiteren Implikationen oder ideologischen Ballast... Wer so fühlt und denkt, dem kann ich wirklich nur folgendes raten: Engagiert euch für das bedingungsloses Grundeinkommen. Denn wenn es das einmal gibt (in einer Form und Höhe, die auch wirklich den vier Kriterien entspricht), dann wird es automatisch eine humanere Wirtschaft geben. Und zugleich auch eine humanere Politik, eine humanere Wissenschaft, eine humanere Kindererziehung und so weiter. All diese Bereiche sind mindestens ebenso wichtig wie die Wirtschaft, und wichtiger als alle diese Bereiche zusammen genommen bin ich als Mensch. Dieses Menschsein, nicht die Wirtschaft, muss wieder mehr in den Fokus unseres Denkens treten, dann und nicht vorher geht es uns allen auf dieser Welt besser.

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5. Oktober 2019 [Utopien für die Zukunft]
Wo Precht recht hat, und wo nicht
Richard David Precht ist zurzeit ein beliebter Gast bei Talkshows und hat mehrere Bücher geschrieben. Er spricht da viele wichtige Themen an, wie etwa die Digitalisierung und die Reformbedürftigkeit des Bildungssystems, und er engagiert sich nicht zuletzt auch für das bedingungslose Grundeinkommen. Persönlich finde ich seine Beiträge immer wieder sehr erfrischend, und ich war auch selbst schon mal bei einem seiner Vorträge, hier an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Nie ist das, was Precht so von sich gibt, langweilig, und jedes einzelne der mehreren Dutzend Videos, die einem aufgelistet werden, wenn man auf Youtube nach seinem Namen sucht, kann ich empfehlen. Und da ganz offensichtlich nicht nur ich so denke, sind die Kommentare unter solchen Videos auch immer recht enthusiastisch; da heißt es dann "Precht for president!" oder auch mal, etwas lapidarer: "Precht hat recht."
Doch wie Richard David Precht ja selbst immer gerne sagt, "zu viel Weihrauch schwärzt den Heiligen", und so möchte ich im folgenden auch keine Laudatio auf ihn schreiben, sondern einige kritische Anmerkungen zu seinen Thesen machen sowie Kontrathesen dazu aufstellen.
Nicht derselben Meinung wie er bin ich zum Beispiel in Bezug auf das Kinder-Grundeinkommen: Precht findet, dass dieses unnötig ist und es bestenfalls, wenn überhaupt, ein Kindergeld geben sollte in derselben Höhe, wie wir es jetzt auch schon haben. Aus seiner Sicht würde das sonst nämlich dazu führen, dass die Menschen in Deutschland immer mehr Kinder bekommen, und zwar genau die, die sowieso keine Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen wollen (das genaue Zitat hier ).
Problematisch ist das erstens schon deshalb, weil es eine Unterstellung beinhaltet. Menschen aus sogenannten "bildungsfernen Milieus", die heute bekanntlich überdurchschnittlich viele Kinder haben und die Precht daher vermutlich vor Augen haben dürfte, wenn er solche Aussagen macht, würden demnach dann wohl nur deswegen Kinder bekommen, weil sie nichts besseres zu tun haben im Leben? Dass diese Kinder womöglich gerade ein Ausdruck des Wunsches sind, irgendwie etwas zur Gesellschaft beizutragen, und wenn schon nicht durch Arbeit dann eben so, das kommt für Precht nicht infrage?
Gut denkbar ist sicher auch, dass Precht sich einfach nur Sorgen um das Bevölkerungswachstum macht; denn immerhin beträgt die Weltbevölkerung (Stand 2019) schon acht Milliarden Menschen und es werden jedes Jahr mehr. Vor diesem Hintergrund wirkt es auf den ersten Blick sicher eher verantwortungslos und kontraproduktiv, das Zeugen von Nachwuchs nun in Form eines Kinder-BGEs auch noch finanziell zu fördern.
Nur, über genau diesen Punkt würde ich mir gar nicht so viele Sorgen machen. Denn wenn wir weltweit die Geburtenstatistiken verschiedener Länder vergleichen, dann stellen wir fest, dass Familien immer dort besonders viele Kinder bekommen, wo alte Menschen durch das institutionelle Sozialsystem wenig abgesichert sind. Kinder sind dann gewissermaßen der Ersatz für eine solche Absicherung, und je mehr man von ihnen hat, desto weniger Sorgen muss man sich im Alter machen... Und genau hier verändert ja das BGE etwas: Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen braucht man sich keine Sorgen mehr um Altersarmut zu machen, und auch wer gar keine Kinder hat, kann ganz unbeschwert das Leben genießen. Sollten wir das BGE also eines Tages mal global einführen, dann wird das der weltweiten Bevölkerungsexplosion einen deutlichen Dämpfer versetzen und zu einer gesünderen demographischen Entwicklung führen, auch mit einem Kinder-Grundeinkommen.
Nun komme ich noch zu weiteren Punkten, bei denen ich mit Precht nicht ganz konform gehe. So finde ich zum Beispiel einige Vorschläge, die er macht, ein bisschen paternalistisch. Nämlich insbesondere den, dass es ein, oder am besten sogar zwei verpflichtende soziale Jahre geben sollte, quasi in Analogie zur mittlerweile abgeschafften Wehrpflicht. Precht schlägt vor, dass es das erste soziale Jahr direkt nach dem Abitur und das zweite unmittelbar vor der Rente geben könnte; und das klingt ja auch erst mal gut. Die Idee ist ausgewogen, da es nicht nur "gegen die Alten" oder "gegen die Jungen" geht, auch wäre das unabhängig vom Geschlecht. Von diesem Aspekt her ist Prechts Vorschlag weitaus sympathischer als die Wehrpflicht, der eine solche Ausgewogenheit ja nicht innewohnt.
Nun ist es aber so, dass es die Wehrpflicht in Deutschland glücklicherweise auch schon gar nicht mehr gibt (wenn auch theoretisch die Möglichkeit bestünde sie jederzeit wieder einzuführen), und somit muss auch nicht unbedingt schnell ein Ersatz dafür her. Es sei denn, man trauert nostalgisch noch der guten alten Zeit nach, und genau das tut Richard David Precht. Er argumentiert, dass die Leute in Deutschland ja heutzutage immer weniger Sinn fürs Gemeinwesen hätten, seit es die Wehrpflicht beziehungsweise den Zivildienst nicht mehr gibt... Aber stimmt das denn überhaupt? Die Fridays-for-Future-Bewegung weist doch eigentlich genau in die umgekehrte Richtung: Junge Menschen sorgen sich für die Zukunft unseres Planeten (und damit natürlich auch die des Gemeinwesens), während genau die Alten, die doch selbst noch "zum Bund gegangen" sind (und somit nach Prechts Theorie am meisten Sinn für die Allgemeinheit haben müssten), sich nicht nur nicht konsequent an den Demos beteiligen, sondern sogar noch süffisant danach fragen, ob das denn überhaupt okay sei, "die Schule zu schwänzen". Deutlicher könnten Prechts Behauptungen doch kaum widerlegt werden.
Und auch davon abgesehen bin ich der Ansicht, dass man Menschen zu ihrem Glück nicht zwingen muss; und wenn es tatsächlich so ist, wie Precht es behauptet, dass man auch in sozialer, unbezahlter Arbeit Erfüllung finden kann, dann werden sich auch immer genug Leute finden, die das machen. Wer möchte nicht ein erfülltes Leben haben? Das Nudge-Prinzip, das Precht hier ins Felde führt, lehne ich ab, denn ich möchte von niemandem "gestupst" werden, auch nicht vom Staat. Precht ist in diesem Punkt längst nicht so fortschrittlich und progressiv, wie er sich als Digitalisierungsapologet sonst immer gibt.
Darüber hinaus hätte ich auch noch einige weitere seiner Positionen zu kritisieren, etwa im Bereich des Tier- und Umweltschutzes sowie den Vorschlag, in einer BGE-Gesellschaft die untersten tausend Euro nicht zu besteuern. Auf diese Dinge werde ich vielleicht in einem späteren Blog-Eintrag noch mal zu sprechen kommen.
Zum Schluss will ich aber noch schreiben, wo Precht recht hat: Auch das sind natürlich unzählbar viele Aussagen. Davon die wichtigste ist vielleicht, dass Precht gerne von einer "digitalen Revolution" analog zum Begriff der industriellen Revolution spricht, und ich glaube, dass er in diesem Punkt recht hat. Nach wie vor unterschätzen das viele Leute, auch sehr intelligente, und argumentieren dann zum Beispiel, dass doch die industrielle Revolution überhaupt erst die Maschinen und die Elektrizität und überhaupt all das hervorgebracht hat, was wir für diesen digitalen Wandel heute benötigen - folglich könne es sich doch hier gar nicht um eine echte Revolution handeln, sondern nur um eine Art Nachbeben des vorhergegangenen.
Wer so argumentiert, der übersieht allerdings, dass natürlich alles, was wir tun, auch immer auf Leistungen unserer Vorväter (und -mütter) basiert. Auch die industrielle Revolution wäre nicht möglich gewesen, wenn vorher nicht schon jemand die Buchpresse oder (noch offensichtlicher) die Metallurgie erfunden hätte. War es deswegen weniger eine Revolution?
Dabei könnte man Precht durchaus einen zu alarmistischen Unterton vorwerfen, sein Szenario von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen", das er dem Publikum in schöner Regelmäßigkeit vor Augen malt, schießt ein bisschen über das Ziel hinaus. Doch ob man das nun so oder anders beschreiben möchte, ein Umbruch steht uns definitiv bevor. Auch zu Kaiser Wilhelms Zeiten haben schon viele geglaubt, das Ende der Geschichte sei bereits erreicht und nun würde alles nur noch immer bequemer und besser dank des technischen Fortschritts - und dann ist es doch anders gekommen. Mein Gefühl ist, dass Precht sich wirklich auch sehr ernsthaft mit Geschichte befasst hat und das ihn das von vielen unterscheidet, die in Talkshows nur mit behäbiger Stimme fordern, alles so zu belassen wie bisher und nur mal an diesem und mal an jenem Stellschräubchen zu drehen.
Richard David Precht will einen grundlegenden Wandel unseres Systems, und ich bin mir ganz sicher: mit diesem Ansinnen liegt Precht schon mal richtig!

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4. Oktober 2019 [bedingungsloses Grundeinkommen]
Weltweites BGE... wäre das vielleicht noch schöner? ;)
Recht hartnäckig hält sich in der Öffentlichkeit das Gerücht, das BGE sei ein eher schwammiges Konzept, das von einem solidarischen Grundeinkommen bis zu einer negativen Einkommenssteuer so ziemlich alles bedeuten könne. Dabei ist es, von einem Verein namens Netzwerk Grundeinkommen, schon vor etlichen Jahren sehr genau definiert worden, und so gut wie alle namhaften Befürwörter der Idee gehen mit dieser Definition, bekannt als die vier Kriterien, auch konform. Dessen ungeachtet gibt es zwischen den verschiedenen Anhängern natürlich auch Meinungsunterschiede, und einer dieser Unterschiede besteht darin, wo genau das bedingungslose Grundeinkommen denn nun eingeführt werden soll: In Deutschland? In der Europäischen Union? Oder gleich weltweit?
Auf den ersten Blick scheint dieses Problem auch eher zweitrangig, schließt doch das eine das andere nicht aus. Wird das BGE weltweit eingeführt, dann selbstverständlich auch gleichzeitig deutschland- und EU-weit. Wird es deutschlandweit eingeführt, dann später vielleicht auch in anderen Teilen der Welt.
Und trotzdem werden einem, wenn man sich für das BGE ausspricht, solche Fragen immer wieder gestellt, und zwar fast immer mit großer Emotionalität. Je nachdem, wie man antwortet, wird man von seinem Gegenüber entweder in die Schublade eines herzlosen Nationalisten oder die eines naiven Träumers gesteckt. Und groß ist da die Versuchung, einfach den salomonischen Kompromiss eines EU-weiten BGEs zu wählen, dann ist man wenigstens nur zu 50% Nationalist und zu 50% Träumer.
Aber so einfach will ich es mir hier nicht machen, sondern ich möchte hier einmal eine Lanze brechen für ein deutschlandweites BGE... und eine Lanze brechen für ein weltweites BGE... und dann zu einer mehr oder weniger überraschenden Schlussfolgerung kommen:
- Unter den prominenten BGE-Rednern scheinen mir vor allem der dm-Gründer Götz Werner und der Soziologe Sascha Liebermann immer eine deutschlandweite Einführung vor Augen zu haben, wenn sie von dieser Idee sprechen. Das Argument dafür ist ein ganz banales und irgendwie auch sehr überzeugendes: In Deutschland verfügen wir über demokratische Institutionen wie den Bundestag, die über die notwendige Gesetzgebungskompetenz verfügen, um das bedingungslose Grundeinkommen quasi von einer Legislaturperiode auf die andere innerhalb der deutschen Staatsgrenzen einzuführen. Schon das EU-Parlament hat solcherlei Kompetenzen (noch) nicht, denn die Sozialgesetzgebung liegt in der Hand der europäischen Einzelstaaten. Das ist der Grund, warum Italien beispielsweise - vielen ist das gar nicht mal so bewusst - ein vollkommen anderes Sozialsystem hat als Deutschland.
Die Frage, wer genau das BGE denn im Falle einer deutschlandweiten Einführung bekommen würde - nur deutsche Staatsbürger oder alle, die hier wohnen - macht einen als Neuling in der BGE-Debatte schon mal verlegen, ist aber eigentlich schnell beantwortet: Jeder deutsche Staatsbürger bekommt ein BGE, genau wie in der oben verlinkten Definition ("... eine politische Gemeinschaft ... jedem ihrer Mitglieder ..."). Wer kein deutscher Staatsbürger ist, bekommt kein BGE, aber - und das darf man natürlich nicht vergessen mit dazu zu sagen - das bedeutet nicht, dass Ausländer in Deutschland deswegen leer ausgehen müssen. Sie können ebenfalls Geld vom Staat bekommen, und möglicherweise sogar in derselben Höhe wie das BGE - nur heißt dieses Geld dann eben nicht BGE, und wie hoch solche Unterstützungsleistungen genau wären, das müsste demokratisch entschieden werden. Eben genau so wie heute auch.
Unschön an der ganzen Sache ist natürlich, dass dann eine Menge Sozialstaatsbürokratie erst mal auch weiterhin erhalten bleiben müsste. Allerdings ist der Bürokratieabbau ja auch nicht das einzige Argument für das bedingungslose Grundeinkommen.
Vom Gerechtigkeitsaspekt her macht ein nationales BGE Sinn, denn auf diese Weise profitieren davon letztendlich genau diejenigen, die auch am demokratischen Willensbildungsprozess, der seiner Einführung vorangehen muss, beteiligt waren. Staatsbürger anderer Länder können darauf verwiesen werden, dass sie sich eben dort für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen müssen, wo sie auch das Wahlrecht genießen.
Was ist mit denjenigen, die zwar einen ausländischen Pass besitzen, aber dennoch ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland? Wäre es nicht furchtbar ungerecht, ihnen das BGE zu verwehren? Ja, absolut. Aber dann ist es auch ungerecht, ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft zu verwehren. Denn wollen wir diese Leute denn mit Geld abspeisen, sie bei demokratischen Wahlen aber aussperren? Das wäre zweifelsohne bevormundend und paternalistisch. Und so könnte man vielleicht, zum Wohle aller, die Einführung eines deutschlandweiten BGEs auch gleich mit einer Reform der Regelungen verbinden, wer wann die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen darf.
- Aber wenn wir uns schon so viele Gedanken machen müssen, warum führen wir das bedingungslose Grundeinkommen dann nicht gleich weltweit ein? Das offensichtlichste und kaum von der Hand zu weisende Argument dagegen ist, dass es schlicht und einfach keine Weltregierung gibt, die das einführen könnte. Und das BGE in einer Form zu fordern, die realistischerweise so gar nicht eingeführt werden kann, würde die Idee natürlich schwächen.
Würde man jetzt als Pro-Argument "nachschießen", dass eine solche Weltregierung doch, auch wenn es sie jetzt noch nicht gibt, in naher oder mittlerer Zukunft vielleicht mal etabliert werden könnte, dann stoßen wir gleich auf das nächste sehr ernst zu nehmende Gegenargument: Selbst wenn eine solche Weltregierung überhaupt möglich und realistisch wäre, wollen wir dann eine solche überhaupt? Denn was unsere Welt schön und lebenswert macht, ist doch gerade ihre Vielfalt und dass Menschen die Freiheit haben, individuell sowie auch in Form von staatlicher Vergemeinschaftung, unterschiedliche Wege zu gehen.
Sogar noch ein drittes Argument gegen das weltweite BGE gibt es, das hier unbedingt aufgeführt werden soll, da es ungeheuer wichtig ist und dennoch viel zu oft übersehen wird: Die Menschen auf der Welt sind kulturell sehr unterschiedlich. Sogar schon, wenn es um die Menschenrechte in ihrer bisherigen Form geht, sehen wir, dass es Kulturkreise (wie den europäischen) gibt, in denen sie sehr ernst genommen werden, und andere (etwa den chinesischen oder den arabischen), in denen man sich damit schwer tut, weil die Werte, die sich über Jahrhunderte und Jahrtausende dort etabliert haben, einfach ganz andere sind als hier in Deutschland. Unter solchen Voraussetzungen jetzt auch noch ein weltweites Grundeinkommen zu fordern, ist das nicht doch ein bisschen blauäugig? Zumal sich ja selbst hierzulande noch nicht alle darüber einig sind; denn zwar sprechen sich bei unverbindlichen Umfragen schon mehr als 50% der Leute für das BGE aus, aber auf die politische Wahlentscheidung wirkt sich das nur bei ungefähr 0,05% von ihnen aus. Bejahung nach dem Motto "schön wär's" - oder wie könnte man das anders interpretieren?
Nach all diesen Überlegungen erscheint es weltfremd, sich noch ernsthaft für ein globales Grundeinkommen aussprechen zu wollen, oder etwa nicht? Nein, keineswegs, denn alle drei soeben angeführten Argumente lassen sich widerlegen:
Ein bedingungsloses Grundeinkommen hat eben nicht, wie Sascha Liebermann es zum Beispiel postuliert, etwas mit Kultur zu tun. Das Bedürfnis nach Existenz und gesellschaftlicher Teilhabe ist kulturübergreifend, und auch wenn verschiedene Kulturen verschiedene (und uns zum Teil sehr fremdartig erscheinende) Vorstellungen davon haben mögen, wem dies wann gewährt werden soll, so dürfen wir doch nicht vergessen, dass das globale Wirtschaftssystem mit seinen Märkten und seinem zwischenstaatlichen Außenhandel historisch betrachtet von uns (das heißt von uns Europäern, zum Teil natürlich auch von arabischen Händlern) etabliert wurde. So weit mir bekannt ist, hat kein Land auf der Welt, in dem heute mit Geld gewirtschaftet wird, dieses vollkommen unabhängig von europäischem (oder muslimischem) Einfluss eingeführt. Und ein bedingungsloses Grundeinkommen bezieht sich auf genau diesen Aspekt des Lebens.
Über die Frage, ob Menschen mit Messer und Gabel, mit Stäbchen oder mit den Fingern essen, wird durch die Einführung eines BGEs gar nicht entschieden, ebenso wenig über die Landessprache oder welche Geschwindigkeitsbegrenzungen dort auf den Autobahnen gelten sollen.
Und damit kommen wir auch direkt zum Argument gegen die Weltregierung: Eine Weltregierung, die über alle Bereiche unseres Lebens bestimmt, würde ich persönlich definitiv ablehnen. Schon die Kompetenzen der europäischen Institutionen heute in Brüssel gehen mir teilweise etwas zu weit, wenn dort beispielsweise über den Krümmungsgrad von Bananen oder die Frage entschieden wird, wo in Europa Weißwein und wo Rotwein staatlich subventioniert werden soll. Demokratie macht einfach mehr Spaß, wenn sie bürgernah ist und nicht, wenn irgendwo weit weg entschieden wird.
Doch genau das ist eben der Punkt: Ein bedingungsloses Grundeinkommen entscheidet nichts, gibt den Menschen nichts vor. Es steht der Vielfalt und Pluralität nicht im Wege, sondern macht diese sogar erst in aller Konsequenz möglich. Wer monatlich sein BGE bekommt, der wird nicht aus Not oder aus wirtschaftlichen Gründen irgendwohin ausreisen, sondern wird deshalb nach Japan reisen, weil er Japan so mag, oder deswegen nach Deutschland reisen, weil er Deutschland so mag, oder deswegen nach Ägypten, weil er Ägypten so mag. Das wird kulturelle Diversität auf der Welt eher noch mehr befördern, und jede Weltregierung, die selbstgefällig daran etwas zu ändern bestrebt wäre, würde an allen Orten auf empörten Widerstand stoßen.
Aus diesem Grund wäre ich sehr dafür, dass wir mal eine Weltregierung einrichten, die genau eine Aufgabe hat: nämlich ein weltweites BGE zu verwirklichen.
Und woher weiß ich, dass da auch alle Länder auf der Welt mitmachen? Nun, mit Sicherheit wissen kann ich das nicht, und vielleicht wird sich auch das eine oder andere Land, Somalia oder Nordkorea vielleicht, am Anfang noch dem verschließen. Und dennoch bin ich da sehr optimistisch, denn auch in der Vergangenheit hat internationale Zusammenarbeit schon oft gut funktioniert, wann immer es wirklich rationale und, wie ich es nenne, kulturübergreifende Argumente dafür gab. So gibt es beispielsweise in fast allen Ländern auf der Welt Reisepässe, die alle mehr oder weniger den formalen Kriterien deutscher Einreisebehörden entsprechen, und zuletzt hat man es sogar geschafft, weltweit das Treibhausgas FCKW zu verbieten, sodass sich heute das Ozonloch über der Antarktis schon langsam wieder schließt. Beides ist nicht überall perfekt und hundertprozentig durchgesetzt worden, aber es zeigt immerhin, dass internationale Zusammenarbeit nicht per se schon illusionär ist. Warum sollte uns das mit dem BGE nicht auch gelingen?
Zur Finanzierungsfrage ist auch hier wieder zu sagen, dass natürlich nur so viel an materiellem Wohlstand verteilt werden kann, wie auch vorhanden ist. Doch mangelt es weltweit betrachtet an einem solchen Wohlstand? Klar ist, dass es vielen Ländern im südlichen Afrika und anderen Teilen der Welt nach wie vor sehr schlecht geht, wenn auch heute nicht mehr ganz so schlecht wie noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Zugleich gibt es allerdings durch Digitalisierung und Automatisierung - das lässt sich doch, denke ich, kaum bestreiten - immer mehr Möglichkeiten, bei gleich bleibendem Einsatz an Arbeitskraft immer mehr materielle Güter zu produzieren. Ob das auch gut für die Umwelt ist, ist übrigens noch mal eine eigene Frage, aber "gütertechnisch produzierbar" (und damit, nach dem Zitat eines bekannten Ökonomen, auch finanzierbar) ist dieser Wohlstand, und wir müssen uns jetzt als Gesellschaft nur noch überlegen, wie wir ihn verteilen wollen: Dürfen die Menschen in Afrika was davon abhaben? Ja? Nein? Ein bisschen was?
Da begrenzende Faktoren für die Ökonomie inzwischen ganz offensichtlich sowieso eher Umweltaspekte wie der globale CO2-Ausstoß sind und weniger der Faktor Arbeitskräfte, speziell wenn wir dabei an unqualifizierte Arbeitskräfte am Fließband denken, dann spricht doch eigentlich auch gar nichts dagegen, dass der Großteil der weltweiten Auto-, Chemie- und Zahnbürstenproduktion, soweit sie nicht schon nach China ausgelagert ist, in europäischen Ländern wie Deutschland verbleibt. Wenn wir ein weltweites BGE auch von Deutschland aus finanzieren würden - so abenteuerlich es auch erst mal klingt - dann wäre so etwas auch möglich, und der Preis dafür wäre, dass jeder Deutsche auch weiterhin nur einen Kühlschrank in der Küche und ein oder zwei Autos in der Garage stehen hätte. Nicht fünf oder sechs oder sieben, wie bei den anhaltenden Produktionssteigerungen andernfalls zu erwarten wäre.
Manche würden mit einem BGE vielleicht auch aufhören zu arbeiten, aber das ist ein Teil der BGE-Debatte, der ganz unabhängig davon ist, wo wir es einführen. Im schlimmsten Falle müssten wir uns mit einem weltweiten bedingungslosen Grundeinkommen vielleicht auch mal dazu entschließen, die Grenzen zu öffnen, damit arbeitswillige Pakistaner oder Nigerianer nach Deutschland einwandern könnten, um das, was uns hierzulande verloren geht, wieder zu ersetzen. Zum Thema offene Grenzen siehe übrigens auch den Bestseller Utopien für Realisten des holländischen Autors Rutger Bregman, da wird das noch weitergesponnen.
Die Frage, ob wir so etwas wirklich wollen oder nicht (immer eine sehr wichtige Frage übrigens), hängt wohl nicht so sehr von wirtschaftlichen Überlegungen ab, als viel mehr davon, was für ein Menschenbild wir eigentlich von den Bewohnern anderer Länder auf diesem Planeten haben. Oder besser ausgedrückt vielleicht: Was für ein Menschenbild wir generell haben.
So scheint mir, dass die Fragen, auf die man stößt, wenn man über ein weltweites BGE nachdenkt, nur immer wieder dieselben sind wie die, wenn man sich über ein nationales BGE Gedanken macht... Wollen wir da denn nicht gleich Nägel mit Köpfen machen?
Alles in allem bin ich daher der Ansicht, dass ein weltweites BGE tatsächlich "noch schöner" wäre! Nämlich noch schöner als ein nationales und auch noch schöner als ein EU-weites BGE. Pragmatische Zwischenschritte (dies den Politikern zur Versöhnung gesagt) sind aber deswegen natürlich nicht ausgeschlossen.

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2. Oktober 2019 [modernes Leben]
Unser qualitativer Hardware-Software-Gap
Ja, der Begriff ist klobig, aber ich habe bisher noch keinen besseren gefunden für dieses wichtige Phänomen hier, das unser vor zwei Jahrzehnten erst begonnenes 21. Jahrhundert prägt und über das in den Medien leider kaum diskutiert wird: Wir alle verfügen im Bereich der Elektronik von Jahr zu Jahr über bessere Hardware, aber kaum über bessere Software.
Was meine ich damit genau? Es gibt zugegeben auch auf der Hardwareebene noch immer einiges zu tun auf der Welt im allgemeinen und in Deutschland im speziellen. So ist der Internetempfang in der Frankfurter U-Bahn zum Beispiel unter aller Kanone. Selbst in der U-Bahn-Station Frankfurter Flughafen, die doch vielleicht eine Art Aushängeschild für Besucher aus aller Welt sein könnte, ist der Empfang nicht viel besser, obwohl es technisch gesehen doch eigentlich kein Hexenwerk sein sollte das zu lösen.
Und dennoch kann man sagen, dass wir hardwaremäßig insgesamt doch auf einem ziemlich guten Weg sind, denn jedes Jahr werden wir Zeuge neuer technischer Wunder. Jedes Jahr haben Computer und Smartphones mehr Rechenleistung, mehr Speicherplatz, bessere Kameras, höhere Bildschirmqualität und so weiter. Dabei arbeiten die meisten Geräte auch bemerkenswert zuverlässig, denn trotz allem Gerede vom eingebauten Verschleiß kann ich zum Beispiel vermelden, dass ich mein Tablet aus der eher unteren Preisklasse jetzt schon seit drei Jahren tagtäglich benutze, ohne dass es je irgendwelche ernsthaften Störungen gab. Mein Eindruck ist, dass elektronische Geräte nicht nur immer besser werden, sondern tatsächlich auch meistens eine ziemlich einwandfreie Qualität besitzen.
So, wie wir es ja auch von überall sonst gewohnt sind: Wer durch ein Kaufhaus geht und sich dort die Kochtöpfe, Armbanduhren und Pfeffermühlen betrachtet, der kann auch sehr genau hingucken und wird trotzdem keine Makel an ihnen finden. Die Preisspanne zwischen den verschiedenen Marken ist oft beeindruckend, aber selbst der günstigste Artikel ist meistens doch in seiner Verarbeitung tadellos - wäre es nicht so, dann würde ein Kaufhaus ihn vermutlich bald aus dem Sortiment nehmen, weil es sonst dem Ansehen der Kaufhauskette insgesamt schadet. So ist einfach das Gesetz des Marktes.
Aber nicht so bei Softwareprodukten. Selbst Computer- und Konsolenspiele, die man sich im Elektronikmarkt kaufen kann, sind längst nicht immer fehlerfrei, oder besser gesagt: Vollständig fehlerfreie Spiele sind mehr oder weniger die Ausnahme. Meistens laufen die zwei oder drei obersten Spiele der Verkaufscharts noch einigermaßen fehlerfrei, aber rundherum um diese einsame Insel der Glückseligkeit sinkt dann die Qualität schon ziemlich ab; jedenfalls wenn man auch noch andere Faktoren wie die deutsche Synchronisierung berücksichtigt - jeder noch so billige Kinofilm ist in diesem Punkt nah an der Perfektion, aber längst nicht jedes Computer- oder Playstationspiel.
Sogar noch um einiges bizarrer wird es, wenn man in die Onlineshops wie etwa den Google Play Store guckt. Meistens genügt schon ein Blick in die Kommentare, und es gehen einem die Augen über, wieviele Softwarefehler (auch Bugs genannt) in einer einzigen App stecken können. Das gilt für kostenlose Software natürlich ganz besonders, aber auch für bezahlpflichtige. Im App-Store vom Konkurrenten Apple mag das geringfügig besser sein als in Googles Onlineshop, weil dort die Qualitätsprüfung etwas strenger ist, aber auch dort ist die Lage keineswegs grundlegend anders, so weit wie ich informiert bin.
Oder wenn wir uns die klassischen Computer betrachten: Windows ist ja sogar schon berühmt-berüchtigt dafür, dass es ziemlich oft abstürzt. Das mag sich in den letzten Jahren vielleicht gebessert haben, aber dafür soll es jetzt andere Kuriositäten geben wie Updates, die unheimlich viel Speicherplatz belegen und von denen eigentlich kaum jemand so genau weiß, wofür genau sie gut sind. Auch lange Ladezeiten von Textverarbeitungsprogrammen, wenn man eigentlich nur schnell mal eine Notiz eintippen will, gehören zum leidvollen Alltag vieler Menschen - wenngleich das doch etwas ist, was auch Computer vor dreißig Jahren schon einigermaßen flüssig konnten.
Aber warum ist das so? Ich kann mit der ultimativen Antwort auf diese Frage hier leider nicht dienen, sondern nur verwundert feststellen, dass die ungewöhnlich schlechte Qualität von Softwareprogrammen noch nie auf der Titelseite von Spiegel, Stern oder Focus thematisiert wurde. Oder jedenfalls nicht, dass es mir bekannt wäre.
Zwei oder drei Theorien hätte ich vielleicht, womit das möglicherweise zusammenhängen könnte. Doch die hebe ich mir für einen späteren Eintrag auf diesem Blog auf. Vielleicht wird mir bis dahin auch noch ein besserer Begriff für dieses Problem unserer Zeit eingefallen sein. Oder vielleicht hat ja von euch jemand einen Vorschlag? Bis dahin bleibt es für mich ganz einfach: der qualitative Hardware-Software-Gap.

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1. Oktober 2019 [Volkswirtschaft]
Geld aus dem Hubschrauber? Bitte nicht!
Das bekannte Gleichnis vom Helikoptergeld feiert dieses Jahr seinen fünfzigsten Geburtstag. Es wurde 1969 vom US-amerikanischen Ökonomen Milton Friedman ersonnen und ist auch heute noch in den Köpfen der meisten Menschen präsent. Es handelt sich, ganz einfach ausgedrückt, um das Bild eines Hubschraubers, der von oben Geldscheine auf die Bevölkerung herunterwirft.
Um zu verstehen, wozu und weshalb, müssen wir vielleicht zuerst einmal einen Schritt zurücktreten und uns überlegen, was Wirtschaftswissenschaft überhaupt ist:
Das Wirtschaftsgeschehen auf dieser Welt wird von Ökonomen traditionell aus zwei Perspektiven betrachtet. Da ist zum einen die Perspektive des einzelnen Unternehmers, quasi die Froschperspektive. Und zum anderen die gesamtgesellschaftliche Perspektive, also die Vogelperspektive. Aus diesen zwei Sichtweisen haben sich im Laufe des vergangenen Jahrhunderts zwei Wissenschaften entwickelt, nämlich die BWL (Betriebswirtschaftslehre) und die VWL (Volkswirtschaftslehre). An Universitäten werden die beiden Fächer aber natürlich oft zusammen gelehrt.
Das zu verstehen ist aber insofern wichtig, als dass wirtschaftliche Zusammenhänge manchmal verschiedenen Gesetzen folgen, je nachdem welche der zwei oben genannten Perspektiven man einnimmt. Um nur das einfachste Beispiel zu nennen: Aus der Sicht eines Unternehmers wird der wirtschaftliche Erfolg umso größer, je niedriger die Löhne sind und je größer die Nachfrage nach den Produkten, die er verkauft. Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht hingegen bedingt hier das eine das andere: Je niedriger das allgemeine Lohnniveau, desto geringer ist die Nachfrage nach Produkten (Binnennachfrage). Steigen die Einkommen, dann wirkt sich das auch für die Gesamtwirtschaft positiv aus.
Das mag einigermaßen paradox erscheinen, aber so ist es. Man denke hier an Henry Ford, der bewusst höhere Löhne zahlte als eigentlich notwendig, da er auf diese Weise die Nachfrage nach seinen Autos erhöhen wollte. Ob das auch unternehmerisch Sinn machte - weil Ford ein sehr großes Unternehmen war und es deswegen naheliegend für die Arbeiter war, sich einen Ford und nicht irgendein Konkurrenzauto zu kaufen, was ihnen ja nicht verboten gewesen wäre - oder ob es nicht doch eher so war, dass Henry Ford über den Tellerrand des eigenen Unternehmerdaseins hinaus und in gesamtgesellschaftlichen, also volkswirtschaftlichen Dimensionen dachte, das will ich hier gar nicht entscheiden. Fest steht aber wohl, dass es jedenfalls keinen Automatismus in dem Sinne gibt, dass doppelte Löhne für die Fabrikarbeiter auch immer doppelte Gewinne für den Unternehmer bedeuten.
Nichtsdestotrotz scheinen Linke und Gewerkschafter diese Henry-Ford-Anekdote zu lieben. Und wenn wir uns hier mal klar machen warum, wird uns das anschließend auch dabei helfen, das Gleichnis mit dem Helikopter gedanklich besser einordnen zu können:
Hohes Ansehen in einer Gesellschaft genießt für gewöhnlich der, der in seinem Handeln Altruismus zeigt und etwas für die Gemeinschaft tut. Das tun Bergarbeiter, Stahlkocher, Eisenbahner und Piloten für gewöhnlich; denn zwar bekommen sie alle am Ende des Monats einen Lohn oder ein Gehalt, aber dies nie einfach nur so, sondern nachdem sie dafür eine Leistung für die Gesellschaft erbracht haben, die mindestens dessen Wert entspricht oder noch größer ist. Deswegen hat man vor ihnen oft mehr Respekt als vor dem "Penner" am Straßenrand, der Vorbeigehende um einen Euro anbettelt, ohne etwas dafür getan zu haben. Oder so ungefähr jedenfalls ist das Bild in sehr weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit, und so wird es einem oft schon im Kindergarten beigebracht.
Das klingt so weit alles ganz logisch, wirft aber eine Frage auf: Was ist, wenn jemand, der normalerweise arbeitet, jetzt auf einmal streikt und somit "nichts tut"? Weil er für sich selbst höhere Löhne haben will. Tut er das dann auch für die Allgemeinheit, oder tut er das dann ausnahmsweise mal nur für sich selbst?
Solche Fragen sind natürlich auch irgendwie kleinlich, denn wenn jemand dreihundert Tage im Jahr hart gearbeitet und etwas geleistet hat, dann gönnt man es ihm ja auch, wenn er anschließend mal vier oder fünf Tage lang etwas nur für sich selbst fordert. Und immerhin streiken deutsche Arbeiter ja auch deutlich seltener als zum Beispiel französische.
Nur, jeder Gewerkschafter, der etwas auf sich hält, wird das so auch nicht auf sich sitzen lassen: Selbstverständlich, so wird er argumentieren, werden auch diese vier oder fünf Streiktage im Jahr (wieviele auch immer es sind) keinesfalls aus eigennützigen Motiven veranstaltet, sondern dienen zugleich dem Wohl der Gemeinschaft! Denn durch die höheren Löhne, die mit dem Streik durchgesetzt werden sollen, steigt doch dann anschließend auch die Nachfrage im Land. Das belebt wiederum die Wirtschaft, und das kommt am Ende allen zugute, sogar noch den eigenen Aktionären.
Wer an dieser Stelle jetzt noch gekonnt Henry Ford zu zitieren versteht, der kann sich sicher sein, in jeden Betriebsrat gerne gewählt zu werden...
Und genau hier tritt nun Milton Friedman mit seinem Gedankenexperiment vom Helikoptergeld auf die Bühne.
Denn dieser Ökonom wirft nun die Frage auf, was denn wäre, wenn jemand (zum Beispiel die Notenbank) einfach mit einem Helikopter über das Land fliegen und einige Milliarden Dollar in Geldscheinen auf die Menschen am Boden herunterregnen lassen würde. Und jeder schnappt sich ganz einfach das, was er kriegen kann... Wie würde sich das dann wohl auf die Nachfrage auswirken, und damit natürlich auch auf die Konjunktur?
Die Nachfrage würde steigen. Denn natürlich würden die Leute das Geld anschließend auch wieder ausgeben, um sich damit Wünsche zu erfüllen... Im ungünstigsten Falle würden sie dann vielleicht auch weniger arbeiten; aber das muss ja gar nicht unbedingt so sein. Wer kündigt gleich seinen Job, nur weil er von irgendwoher mal eine Hand voll Banknoten extra bekommen hat?
Der Reiz bei diesem Gedankenexperiment liegt, denke ich, darin, dass es das moralische Hauptargument der Gewerkschafter in Bezug auf die Gesamtökonomie irgendwie ad absurdum führt: Löhne zu erhöhen ist nicht, wie behauptet, die einzige Möglichkeit, die Nachfrage nach Produkten zu erhöhen und damit die Konjunktur zu beleben. Es existieren ganz offensichtlich auch noch andere denkbare Methoden.
Zugleich aber ist dieses Bild mit den herabschwebenden Geldscheinen und den Menschen, die sich mit glänzenden Augen darauf stürzen, natürlich auch irgendwie albern und unmoralisch. Immerhin bekämen ja dann diejenigen das meiste Geld, die am gierigsten danach schnappen. Und wer will das schon?
Somit steckt also hinter dem Bild vom Helikoptergeld immerhin genügend rationale Überlegung, dass sich Wirtschaftswissenschaftler auf ernsthafte Weise damit befassen, aber zugleich ist es auch irgendwie zu albern, als dass Politiker ernsthaft darauf hinarbeiten würden, es in die Praxis umzusetzen; jedenfalls sofern es mehr als nur eine punktuelle, vorübergehende Maßnahme sein soll. Als mehr war es ja aber auch nie gedacht.
Damit ist eigentlich schon alles gesagt, was es zu sagen gibt. Aber interessant ist noch, dass man auch in der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen immer mal wieder auf den Begriff des Helikoptergeldes stößt. Wie kommt das?
In der Schweiz wurde vor einigen Jahren mal mit einem großen Lastwagen fürs Grundeinkommen geworben, der vor den Kameras eine ganze Ladung golden schimmernder Geldstücke auf die Straße auskippt. Wer dieses Bild noch vor Augen hat, dem mag die Assoziation zu einem Helikopter, der grüne Banknoten abwirft, vielleicht auch naheliegend erscheinen. Was genau also ist da der Unterschied?
Der Unterschied ist, dass es sich bei dem bedingungslosen Grundeinkommen um einen Rechtsanspruch handelt, den jeder Bürger bekommen soll. Es ist also gerade nicht bloß eine Maßnahme zur Konjunkturbelebung, und vor allem: Es bekommt nicht derjenige am meisten Grundeinkommen, der am gierigsten danach schnappt. Die Zufallskomponente, die ja beim Bild des Helikopters und den Gefühlen, die es in uns heraufbeschwört, eine ganz wesentliche ist, existiert beim BGE ganz einfach nicht.
Hinzu kommt, dass ein Helikopter mal einfach so angeflogen kommt - und alle, die wie das Mädchen im Sterntalermärchen darunter stehen, wissen kaum, wie ihnen geschieht. Ein bedingungsloses Grundeinkommen dagegen kommt nicht einfach so zu uns geflogen, sondern es muss vorher zuerst eine gesellschaftliche, dann eine politische Debatte darüber geführt werden; und sobald eine demokratische Mehrheit dafür zustande kommt, weiß jede*r von uns schon genau, was da auf uns zukommt (jedenfalls, was den Geldbetrag und die Auszahlungsmodalitäten anbelangt - nicht, was das sonstige Leben anschließend mit dem BGE betrifft).
Deswegen kann ich persönlich auf ein Helikoptergeld dankend verzichten, ein bedingungsloses Grundeinkommen dagegen will ich haben. Und wenn ihr bei BGE-Diskussionen auf blumige Bilder nicht verzichten wollt, dann verwendet doch lieber das mit dem Gießkannenprinzip: Wasser, das aus einer Gießkanne strömt und Blumen zum Wachsen bringt, beschreibt den Gedanken des Grundeinkommens nämlich, so finde ich, deutlich besser als jener Hubschrauber, nach dessen Banknoten wir mit Hast und Eile greifen müssen.

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28. September 2019 [Umweltschutz und Technik]
Wege in eine autofreie Gesellschaft
Vor zwei Wochen haben hier in Frankfurt am Main am Rande der Automobilausstellung IAA etliche tausend Menschen für die Verkehrswende demonstriert, also für den Umstieg vom Auto zu anderen Verkehrsmitteln. Viele dieser Demonstranten kamen mit dem Fahrrad und vermittelten so die Botschaft, der Drahtesel sei die perfekte Alternative. Persönlich finde ich das eher kurios, denn es ist doch nicht nur die Umwelt wichtig, sondern auch der Komfort und die Lebensqualität. Und darin sehe ich auch gar keinen großen Gegensatz, denn je mehr die technische Entwicklung voranschreitet, desto besser lassen sich auch Komfort und Umweltschutz miteinander verbinden. Wir müssen die Möglichkeiten nur ergreifen, die sich uns bieten. Deswegen hier ein paar vermischte Gedanken dazu:
- Große Hoffnungen setzen zurzeit viele Leute auf E-Autos. Ob diese wirklich umweltfreundlicher sind als herkömmliche Autos, hängt natürlich davon ab, wie der Strom dann produziert wird. Aber da der Atomausstieg in Deutschland bereits beschlossene Sache ist und die Braunkohlekraftwerke vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft ebenfalls stillgelegt werden könnten, bin ich in diesem Punkt einigermaßen optimistisch.
- Reizvoll an E-Autos ist vor allem auch, dass man sie sich auch leicht als automatisch fahrende, also "fahrerlose" Fahrzeuge vorstellen könnte. So etwas wird bestimmt noch zu unseren Lebzeiten möglich sein. Allerdings ist zu bedenken, und darauf macht der bekannte Buchautor Richard David Precht auch immer wieder aufmerksam, dass man für einen erfolgreichen Einsatz solcher Autos in Innenstädten auch überall alles mit Videokameras "überwachen" müsste, damit zum Beispiel keine Fußgänger, die plötzlich auf die Straße laufen, von diesen Fahrzeugen angefahren werden. Ob wir das wollen oder nicht, hängt vermutlich davon ab, wie wir mit dem Thema Datenschutz umgehen und wie groß unsere Angst ist, dass Daten missbraucht werden können. Persönlich halte ich solche Ängste zwar einerseits für berechtigt in dem Sinne, dass wir uns darüber in der Tat Gedanken machen sollten (so wie über alles im Leben), aber andererseits auch für etwas übertrieben. Denn mit dem bedingungslosen Grundeinkommen werden wir so oder so weniger erpressbar, und es wird in unserer Gesellschaft vielleicht mehr als heute das Motto gelten "leben und leben lassen". Wer mit wem fremdgeht oder wer wann angetrunken die Straße entlangtorkelt, wird dann vielleicht gar nicht mehr so eine große Rolle spielen. Die berühmten Partyfotos vom Freitagabend, die der Chef mal schnell über Google findet, schon gar nicht.
- Obwohl ich fahrerlose Autos also für gar keine so schlechte Idee halte, lohnt es sich trotzdem, auch noch über weitere Alternativen nachzudenken. Eine davon existiert heute schon: nämlich E-Scooters, auch E-Roller genannt. Ich bin immer unentschlossen, welchen der beiden Begriffe ich verwenden soll. Auf jeden Fall wurden diese E-Roller hier in Frankfurt am Main gerade dieses Jahr neu eingeführt, und sie scheinen, so hab ich zumindest den Eindruck, so weit ganz gut zu funktionieren. Bei diesem System muss man sich keinen eigenen E-Roller kaufen, sondern kann sie sich immer spontan ausleihen, wenn man gerade einen braucht. Ein Nachteil dabei ist, dass das im Augenblick noch relativ teuer ist, unter anderem auch deswegen, weil E-Roller, habe ich gehört, schon nach wenigen Monaten verschlissen sind und durch neue ersetzt werden müssen. Dieser Nachteil ist natürlich ein sehr ernster, speziell auch vom Aspekt des Umweltschutzes her. Aber die Entwicklung steht ja auch gerade erst am Anfang. Wer weiß, ob solche Probleme nicht im Laufe der kommenden Jahre gelöst werden können? Wenn ja, dann sollten wir uns vielleicht auch mal ernsthaft überlegen, ob man dieses Verkehrsmittel im Innenstadtbereich den Leuten nicht auch kostenlos zur Verfügung stellen könnte, und zu diesem Zweck auch noch einige zusätzliche Straßen (abgesehen von der Fußgängerzone) für den Autoverkehr sperrt. Für den Zuliefererverkehr könnte man in den frühen Morgenstunden eine Ausnahmeregelung treffen.
- Allgemein ist zu konstatieren, dass man in modernen Großstädten wie Frankfurt am Main auch heute schon nicht unbedingt ein Auto braucht, selbst wenn man nicht gerne Fahrrad fährt. Denn der öffentliche Nahverkehr ist in der Regel gut ausgebaut. Man könnte ihn aber noch attraktiver gestalten: Zum Beispiel könnte man das Tarifsystem vereinfachen. Naheliegend ist das, was hier in Deutschland die Piratenpartei schon seit einigen Jahren fordert, nämlich, dass man den ÖPNV (öffentlichen Personennahverkehr) im Innenstadtbereich einfach kostenlos anbietet. Das kostet natürlich Geld, welches aus öffentlichen Mitteln bereit gestellt werden müsste. Aber da der Schutz der Umwelt und des Klimas im allgemeinen Interesse ist, wäre es definitiv legitim und gerechtfertigt, einen nicht unbedeutenden Anteil der Steuergelder für PKWs und Treibstoff hierhin umzuleiten. Zu bedenken ist, dass das auch den Autofahrern selbst zugute kommen würde, da es dann weniger Staus auf den Straßen und mehr freie Parkplätze gäbe.
- Die Betriebkosten für den öffentlichen Nahverkehr könnte man auch heute schon reduzieren, indem man fahrerlose U-Bahnen baut. Die gibt es nämlich bereits, und sie scheinen gut zu funktionieren. In welchen europäischen Städten fahrerlose U-Bahnen schon in Betrieb sind, seht ihr hier. Unter anderem sind das London, Paris und Rom, sowie in Deutschland die Stadt Nürnberg. Warum gibt es das nicht schon überall? Vermutlich werden U-Bahn-Fahrer einfach zu schlecht bezahlt, sodass sich der Umstieg für die Verkehrsbetriebe nicht lohnt. Reizvoll ist es allerdings sich zu überlegen, dass solche automatischen U-Bahnen neben der reinen Kostenersparnis auch noch andere Vorteile böten. So könnte man auf manchen Strecken vielleicht bei konstanten Betriebskosten die Taktfrequenz erhöhen, und so den Umstieg vom Auto auf die U-Bahn noch attraktiver machen. Nichts ist nerviger auf der Welt, als ständig auf die Uhr schauen zu müssen, wann endlich der nächste Zug kommt - sobald aber die Züge irgendwo im Zehn-Minuten-Takt oder öfter fahren, muss man gar nicht mehr auf die Uhr schauen, sondern kann einfach spontan irgendwo einsteigen. Hilfreich ist dabei auch, wenn die elektronischen Anzeigen an den Bahnsteigen leicht zu lesen und zuverlässig sind. In diesem Bereich dürften wohl heute längst noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sein.
- Politisch wird oft gefordert, dass die Leute weniger fliegen und mehr mit der Bahn reisen sollen. Zugleich wird aber, kommt mir vor, sehr wenig dagegen getan, dass die Deutsche Bahn inzwischen notorisch unpünktlich ist. Warum fällt es den/uns Deutschen so schwer, da mal so richtig auf den Tisch zu hauen? Ich weiß es nicht. Wie oft die Deutsche Bahn tatsächlich unpünktlich ist - oder vielleicht ist es ja auch nur mein Eindruck -, darüber kann man sich übrigens hier im Bahntagebuch eines Grünenpolitikers ein Bild machen. Persönlich geht es mir auf jeden Fall sehr auf die Nerven, wenn ein Zug zu spät kommt, und ich kann da jeden verstehen, der deswegen eigentlich lieber mit dem Auto fährt.
- Und als letzten, aber nicht unwichtigsten Punkt möchte ich auch noch die Möglichkeit ansprechen, dass man verkehrspolitisch auf kürzere Wege zwischen Wohnort und Arbeitsplatz oder Wohnort und Schule/Kindergarten hinarbeitet. Das wird bisher nämlich noch viel zu wenig ernst genommen. Die berühmt-berüchtigte Pendlerpauschale beispielsweise, welche demnächst erhöht werden soll, geht da genau in die falsche Richtung: Wer weit weg von seinem Arbeitsplatz wohnt, bekommt dadurch besonders großzügige Steuererleichterungen. Auch wird es in Deutschland Eltern, wie ich gehört habe, nicht immer sehr leicht gemacht, ihre Kinder in der Schule anzumelden, bei der sie den kürzesten Weg haben. In diesem Bereich gäbe es sicher noch einiges an Verbesserungsmöglichkeiten, etwa durch Nutzung modernerer und anwenderfreundlicherer Verwaltungssoftware, über die in den Medien noch zu wenig diskutiert wird. Und auch viele Behördengänge, die Autofahrten und damit CO2-Ausstoß notwendig machen, könnten durch bessere Online-Angebote eingespart werden.
Fazit: Auch ohne dass gleich jeder aufs Fahrrad umsteigt, gäbe es zahlreiche Schritte, die man in Richtung einer autofreien Gesellschaft gehen könnte. Lasst uns nur endlich mal damit anfangen!

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27. September 2019 [Nostalgie]
Erinnerungen an den Game Boy
Der Game Boy kam 1989 auf den Markt und gehört, wenngleich ich ihn erst zwei Jahre später kennenlernte, zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen. Vermutlich ist das etwas, was ich mit fast allen anderen (mitteleuropäischen) Menschen meiner Generation gemeinsam habe, und was mich, beziehungsweise uns, sowohl von Älteren als auch von Jüngeren unterscheidet. Grund genug, hier einmal ganz den Fokus darauf zu richten.
Für alle jüngeren Leser, die den Game Boy vielleicht noch nicht (also: nicht mehr) kennen, sei gesagt, dass das eine tragbare Spielekonsole mit Bildschirm (Handheldgerät) von Nintendo war, bei dem der Bildschirm noch keine Farben darstellen konnte, sondern nur verschiedene Grüntöne. Genau das hat ihn faszinierend gemacht.
Zur damaligen Zeit war es auch relativ neu, dass ein tragbares elektronisches Gerät überhaupt interaktiv sein konnte. Bis dahin gab es als Zeitvertreib mit Batterien eigentlich nur Walkmans, also tragbare Kassettenrecorder, bei denen man auf den Playknopf drücken konnte und daraufhin dann Musik oder eine Geschichte zu hören bekam. Dass man irgendwo auch selber in das Geschehen, das einem vermittelt wurde, eingreifen konnte, das war eine Neuerung, die der Game Boy brachte.
Daneben gab es zu jener Zeit natürlich auch schon Computer, aber die hatte noch nicht jeder, und man konnte sie aufgrund ihrer Größe nicht einfach so in den Urlaub mitnehmen. Um nur zwei Nachteile zu nennen.
Was den Game Boy so besonders gemacht hat, war vor allem auch die große Auswahl von Spielen, die es dafür gab. Die konnte man sich damals noch nicht über das Internet herunterladen, sondern sie waren auf kleinen, viereckigen Datenträgern aus Plastik gespeichert, die man in quadratischen Kartonverpackungen im Handel erwerben konnte, etwa in Kaufhäusern, Elektronikmärkten oder in Spielwarengeschäften.
Mein liebstes Gameboyspiel war mit Abstand "Zelda - Link's Awakening". Erst weit abgeschlagen auf dem zweiten und dritten Platz folgten die heute etwas bekannteren Super-Mario-Spiele und Tetris.
Die meisten Spiele, die es für den Gameboy gab, gab es außerdem auch für die Spielkonsole. Das war Ende der achtziger Jahre die NES (Nintendo Entertainment System), Anfang der neunziger Jahre dann die SNES (Super Nintendo Entertainment System). Über eine Spielkonsole konnte man die Spiele am Fernseher und in Farbe spielen, allerdings waren die Farben damals natürlich noch nicht so realistisch wie in heutigen Spielen, und so waren für mich Gameboyspiele eigentlich beinahe das interessantere Spieleerlebnis: Dort konnte man sich immer in seiner Fantasie ausmalen, wie diese Spiele wohl aussehen würden, wenn sie in Farbe wären. Insbesondere bei Zelda war das für mich entscheidend, denn dieses Spiel wirkte in Grüntönen irgendwie viel ernster und epischer als alle anderen Versionen davon.
Und schließlich war bei Gameboyspielen auch noch der Sound recht bemerkenswert. Er klang immer ein klein wenig künstlich und "metallisch", zugleich war es aber auch damals schon so, dass im Prinzip jedes Musikstück auch für den Game Boy umgesetzt werden konnte. Besonders gerne erinnere ich mich zum Beispiel an den Soundtrack von Cliffhanger, einen Kinofilm, den es auch als Gameboyspiel gab: Das Spiel selbst war eigentlich sehr langweilig, aber die Musik darin großartig. Ähnlich wie bei den frühen Computerspielen lag die Faszination dabei wohl ganz einfach aus dieser Mischung von Bekanntem und Neuem, von Klangmustern aus der Welt außerhalb des Computers und typisch Elektronischem.
Heute verschwimmt diese Grenze zusehends, denn was man aus den Lautsprechern eines Computers hört, klingt nicht mehr grundsätzlich anders als das, was man auch aus dem Fernseher oder im richtigen Leben hört. Feine Unterschiede mag es immer noch geben, aber die sind nicht mehr zu vergleichen mit jenen zwei Welten, die ich als Kind der achtziger und neunziger Jahre durchlebte.
Tatsächlich glaube ich, dass die historische Rolle des Game Boys (eines der meistverkauften Handheld-Spielegeräte aller Zeiten) unter anderem auch darin bestand, dass sie einer ganzen Generation eine Art Fenster eröffnete, welches uns von der Welt des Analogen in die des Digitalen führte. Während vorher noch alles um uns herum analog gewesen war - Fotos wurden noch analog geschossen, Telefone hatten meistens keine Displays, Bücher und Zeitungen waren immer auf Papier gedruckt - sind wir heute quasi überall vom Digitalen umgeben und haben schon beinahe das Gefühl, dem ausgeliefert zu sein und gar nicht mehr entkommen zu können. Während der ziemlich genau zehn Jahre allerdings, in denen der Game Boy modern war - von 1989 bis 1999 - war es so, dass es die Welt des Digitalen gab, aber nicht überall: Sie begann, wenn man den Game Boy einschaltete und hörte auf, wenn man ihn wieder ausschaltete. Beides geschah mit einem real existenten, anfassbaren Schieberegler.
So blieb also die Welt des Digitalen für uns als Kinder von damals immer in einer klar von der Außenwelt abgegrenzten, überschaubaren Box. Aber diese Box immerhin war ziemlich spannend, und die Faszination, die sich daraus entwickelte, begleitet mich und auch andere meiner Generation auch heute noch im Erwachsenenleben. Es war, denke ich, ein Schritt in unserer geistigen Entwicklung, so wie das Schwimmen oder das Fahrradfahren oder alle die Schulen, die wir im Laufe des Lebens besucht haben mögen.
Eher ein bisschen kurios wirken daher auf mich Spiegel-Online-Artikel wie dieser hier, wo der Game Boy zwar gefeiert und gewürdigt wird, aber dann doch irgendwie auf sehr eigenartige Weise. Der Titel dort lautet "Verschwende deine Jugend!" und im Kontrast dazu schreibt dann jemand aus ungefähr meiner Generation, dass er als Kind viel Game Boy gespielt hat und "keine Minute bereut". Titel und Text passen hier also eigentlich nicht so recht zusammen, auch wenn man der Spiegel-Redaktion ein bisschen Humor zugesteht. Erklären kann ich mir das nur so, dass man auf Spiegel-Online zwar die "jüngere" (unter Anführungsstrichen!) Generation zu Wort kommen lassen, sie aber gleichzeitig nicht zu ernst nehmen will.
Denn wo kämen wir da denn hin? Würde auf dieser Homepage wirklich allen Ernstes und ganz ohne ironisches Augenzwinkern suggeriert, dass der Game Boy für unsere Gesellschaft etwas Segensreiches gewesen sein könnte, dann würden manche der älteren Leser vermutlich ihr Abonnement kündigen...

Hier verlinke ich euch noch den Wikipedia-Artikel über den Game Boy.

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26. September 2019 [Kaufempfehlung]
Kölln Müsli: Nuss & Krokant
Ich beginne diesen Blog hier mit einer Kaufempfehlung. Manche werden jetzt argwöhnen, dass ich von der Firma Kölln bezahlt bin, aber das ist nicht der Fall. Es ist viel mehr so, dass es selten genug wirklich gute Produkte auf dem Markt gibt. Wenn es dann doch mal so eines gibt, dann verdient das, finde ich, gewürdigt zu werden:
Und zwar kann ich das Müsli "Nuss & Krokant" von Kölln empfehlen. Ihr könnt es euch hier angucken.
Dieses Müsli ist erstens vom Geschmack her sehr ausgewogen, und zweitens enthält es auch relativ wenig Zucker: 7,7 Gramm pro 100 Gramm.
Zum Vergleich enthält das Müsli "Früchte - ohne Zuckersatz" derselben Marke, das ich bisher immer ganz gerne gegessen habe, 22 Gramm Zucker pro 100 Gramm. Es lohnt sich also, genau auf die Nährwertangaben zu schauen.
Der Preis für das Müsli "Nuss & Krokant" beträgt normalerweise drei Euro pro Packung, aber diese Woche ist es gerade bei Rewe im Sonderangebot und kostet dort nur zwei Euro pro Packung. Ich habe mir deswegen gleich mehrere Packungen auf Vorrat gekauft. Man hat ungefähr elf Monate Zeit, so etwas aufzubrauchen.